Reine vs. Praktische Vernunft?

Obwohl Kant nach Abfassung seiner erkenntnistheoretischen Schriften diametral entgegengesetzte Absichten zu verfolgen schien, gibt es keinen Bruch zwischen den erkenntnistheoretischen und ethischen Postulaten, wie er auch in der Forschung immer wieder als Hypothese formuliert wurde. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, schrieb Kant einmal. Der Mensch wird damit bei Kant zum erkennenden und moralisch handelnden Subjekt, das aus sich selbst heraus und unter Gebrauch seines Verstandes die Welt so formt, dass sie sich ihm später als etwas Festes und scheinbar von ihm selbst Unabhängiges zeigt. Die metaphysische Garantie, dass das Subjekt realen Objekten begegnet, stürzt mit Kants Untersuchungen zu Raum, Zeit und Kausalität in sich zusammen. Diese Kategorien sind der Welt inhärent, aber nicht als Voraussetzungen einer universellen und vorgefundenen Balance, sondern als Konzepte des denkenden Subjekts. Wie aber ist in einer solchen Welt moralisches Handeln möglich, das ein abstraktes allgemeines Wohl über die konkreten eigenen Bedürfnisse stellt? Hier sah Kant nur einen möglichen Weg – den der Selbstdisziplinierung und der Pflicht. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass er damit den falschen Ansatz gewählt hat, und schon Schiller, ein glühender Kant-Verehrer, ist ihm hierin nur teilweise gefolgt: „Gerne dien ich den Freunden, doch tu‘ ich es leider mit Neigung, Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.“ Kant entwickelte diesen Ansatz konsequent weiter: damit das Subjekt diese Selbstbeschränkung auf sich nehmen kann, ist es notwendig, dass die moralischen Leitlinien autorisiert werden. Sie sind – ähnlich den erkenntnistheoretischen Kategorien – nicht wählbar. Das Subjekt verhält sich aber nur dann moralisch, wenn es „auf etwas hin“ handeln kann. Handeln begründet sich in Zwecken. Kant postuliert hier ein „Als-ob“ – wir müssen so handeln, als ob ein göttliches Wesen unsere Handlungen sanktionieren oder belohnen würde. In der historischen Dimension läßt sich zweierlei feststellen: Kant sprach hier ein wirkmächtiges Denkverbot aus, das latent alle nachfolgenden philosophischen Diskussionen beeinflusste. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, beginnend etwa mit den Feuerbach´schen Thesen, dieses Denkverbot immer heftiger in Frage gestellt wurde, ging damit eine immer radikalere Entwertung des Seins und der „Stellung des Menschen im Kosmos“ (das ist der Titel eines Buchs von Max Scheler) einher. Kant war hellsichtig genug, das zu erkennen.

PS: Langsam bin ich wie Wittgenstein geneigt zu glauben, dass Mystik und Philosophie vielleicht eine scharfe Trennlinie, aber ansonsten gar nichts miteinander teilen.