Kirchenaustritt?

Seit meiner Geburt gehöre ich qua Taufe einem Verein an, der zwar von außen gesehen liebenswürdige und skurrile Züge tragen mag, aber genauer betrachtet nach wie vor eher auf die Kraft des Dogmas als auf die des Arguments und der Überzeugung vertraut. Wenn man zurückschaut, sieht man die Bildergewitter der Renaissance und des Barock, die die Religion als rauschhafte und überaus sinnliche Erfahrung feiern. Die alte asketische, monastische Tradition wird von dieser Zeit völlig verdeckt und in ihr Gegenteil verkehrt. Sei es in der Sixtina oder bei der Floriansfigur in der Pfarrkirche – überall bildet sich sofort ein Topos, der den Inhalt überformt. Und doch profitierte die Kirche klammheimlich vom Bildersturm und von der reformatorischen und aufklärerischen Neuerfindung der Moral und des Gewissens. Wie in einer Matrjoschka-Puppe verbirgt sich in jeder Heilsgeschichte die Drohung der ewigen Verdammnis, denn das eine ist ohne das andere gar nicht denkbar, und der Glaube sickert in dieser Mischung langsam und angstbehaftet in die Seele ein. So ist es überall, wo einem der Endzweck in die Quere kommt: es riecht nach Schwefel, denn die menschliche Freiheit ist schier unerschöpflich. Vor dem Hintergrund des Vielgötterglaubens erscheint die katholische Trinitas wie eine unglaubliche Einschränkung, der nur durch die Inflation der Heiligen abgeholfen werden konnte. Historisch gesehen relativiert sich vieles, das als Möglichkeit nicht lebbar erscheint. Es ist vor allem das in den Jugendjahren geprägte Gefühl, einer fanatischen Sekte anzugehören, das mich jetzt über einen Kirchenaustritt nachdenken läßt. Denn dort, jenseits, ist bestimmt ein Anderes als das, das zu glauben ich angehalten werde. Aber welches Andere, vermag mir hier niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Ich kann also nichts aus meinem angeblichen Wissen um die letzten Dinge ableiten, nicht einmal einen triftigen Grund, der Gemeinschaft der Gläubigen beizutreten.