Phantomschmerz
Freitag, 7. Dezember 2007 18:14
Im Gespräch mit einem meiner Kollegen stelle ich immer wieder fest, dass ich in einer Art Möbiusschleife festsitze. Es gibt in seinen Erzählungen einen recht anschaulichen lexikalischen Bruch – ich merke, dass ihm die Worte fehlen, um das auszudrücken, was er ausdrücken will, aber meine Interpretation des Gesagten, die sich auf das Einstreuen von scheuen Zwischenbemerkungen beschränkt, dient ihm nur als Nahrung für immer weitere, mit hochrotem Kopf und sich überschlagender Stimme vorgetragene Auslassungen über sein Leben, seine Arbeit und vor allem seine Sicht der Dinge. Der monologische Vortrag kann stundenlang so weitergehen, bis jemand von uns beiden auf die Uhr sieht und das Gespräch abrupt beendet. Wenn ich dann mit erteiltem Dispens seinem Wortschwall entfliehen darf, frage ich mich immer wieder etwas ratlos, warum ich mir das überhaupt antue. Sein überbordendes, alle Grenzen sprengende Mitteilungsbedürfnis kontrastiert zudem stark mit der geringen Variationstiefe des Gesagten. Es ist, als könnte ich einen dreißig Strophen langen Text auswendig mitsingen und wüßte auch in einem halbdämmrigen Zustand immer, an welcher Stelle wir uns gerade befinden. Es mag sein, dass die vor vielen Jahren angetretene, dreimonatige Reise nach Amerika und Mexiko seine Perspektive radikal verändert hat – mich lassen seine Erfahrungen bis auf das Finden von passenden Analogien und Vergleichen seltsam kalt, denn ich kann sie nicht in meine Lebenswirklichkeit einordnen und finde keinen persönlichen Bezug zum eigentlichen Thema. Vielleicht will ich es auch gar nicht. “Weißt du, was dir fehlt? Du hast nie von heute auf morgen alle Brücken abgebrochen und bist unverrichteter Dinge weggefahren. Ich habe meinem Chef die Flugtickets auf den Tisch gelegt und gekündigt.” Tremolo über Basso continuo. Und ich bin der Sünder und sitze im Beichtstuhl. Ich begehre nicht einmal dagegen auf, denn irgendwie finde ich es höchst angenehm, mich belehren zu lassen. Es ist der gute, alte, katholische Masochismus, der hier ein wenig durchschimmert. Morgen werde ich mein Leben ändern, sage ich mir nach diesen Gesprächen voller Euphorie. Und dann suche ich das nächste Cafe auf, um einen Espresso zu trinken und ein Croissant zu verschlingen. Gut, dass er es getan hat. Ich könnte es ja nicht, warum auch immer. Sich etwas anderes vorzustellen, wäre eine bloße Jagd nach Schatten, auf die prompt der Phantomschmerz folgen würde.
Thema: Desorganisation |
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