Die Legende

Um den kaiserlichen Palast hatte sich schon seit Jahren eine fiebrige und emsige Menschenmenge versammelt, die jeden Laut, der von den inneren Kammern durch die verschlossenen Türen nach außen drang, abfing, seine Botschaft deutete und die Sensation als eine Welle der Erregung von innen nach außen trug. Am letzten Mauerring hielten die Paladine und Fürsten ihr Ohr auf den Stein gepresst, während die einfachen Beamten, die in der Menge fast untergingen, ihre Ohren hilflos dem Palast entgegenstreckten. An den ausgefransten Rändern der Menschenmasse in den Vororten setzten sich Läufer und berittene Boten in Bewegung, um den Strahl des seltenen kaiserlichen Wortes in die fernsten Ecken des Reiches zu tragen. In den Fensternischen kauerten Späher, die gegen Bezahlung jedem Neugierigen ihre Beobachtungen mitteilten, die sie durch schwere samtene Vorhänge hindurch glaubten gemacht zu haben. Die Wächter hielten sich grau und müde an ihren Hellebarden fest, mit denen sie den Zugang zum Palast versperrten. Seitdem sie ihren Dienst angetreten hatten, litten sie unter einer unheilbaren Schlaflosigkeit; die zitternde, gespannte Erwartung der Masse übertrug sich auf ihre geschwächten Körper, und schließlich gab es niemanden mehr, der diese schwere Aufgabe auf sich nehmen wollte. Die Legende berichtet jedoch von einem Hirtenjungen, dem es gelang, über einen unterirdischen Kanal zufällig in die innersten kaiserlichen Gemächer einzudringen. Erstaunt nahm er die kostbaren Seidentapeten, die zart schimmernden Porzellanvasen und die grellrot gefärbten Teppiche wahr, die die Gemächer schmückten. Vor allem aber fiel ihm auf, dass niemand diese Räume bewohnte. So laut und so oft er auch rief, niemand antwortete ihm. Als der Tag zur Neige ging und der Hirtenjunge Hunger verspürte, suchte er nach einem Ausgang und öffnete versehentlich die schweren Flügeltüren, vor denen sich die atemlose Masse drängte. Und als sie über seinen bereits reglosen Körper hinwegflutete, hauchte er noch: „Ich bin es nicht!“