Meine Patientenakte

Ich weiß nicht, ob ich diese Geschichte schon einmal erzählt habe; ich gleiche ja langsam wirklich dem sprichwörtlichen Märchenonkel, der mit dem Märchenbuch am Ende ist und nun erkennen muss, dass die Aufmerksamkeit seiner noch gebannt lauschenden Nichten und Neffen langsam, aber sicher in Langeweile und Ignoranz umschlagen wird. Er kann noch hoffen, eine Geschichte zu finden, die seinen Zuhörern nicht mehr ganz so geläufig ist, aber eigentlich weiß er um die Sinnlosigkeit seines Märchenonkeldaseins. Aber bevor ich jetzt ins melodramatische Fach abgleite, setze ich lieber auf das tragikomische. Als mir im zarten Alter von acht Jahren die Polypen entfernt wurden (der Fachausdruck lautet wohl Adenotomie), fiel ich aufgrund einer länger andauernden Bewußtseinstrübung vom OP-Tisch, was, so schlimm es sich im ersten Moment anhört, zu einer solch ausgeprägten Zufriedenheit mit dem Pflegepersonal führte, dass ich die Stationsschwester als meine Mutter adoptieren wollte und fürderhin im Krankenhaus ein beschauliches Leben zu führen wünschte (inwieweit und ob dieser Wunsch erfüllt wurde, ist mir immer noch nicht ganz klar). „Ach, du bist der, der vom OP-Tisch gefallen ist?“ „Äh, ja.“ Und wie von Zauberhand stand sofort eine Tasse dampfender Kakao auf dem Nachtkästchen und daneben lag ein Stückchen Schokolade. Dennoch werde ich nie den Anblick der blutroten Bettdecke vergessen, als ich völlig benebelt nach der OP das in den Magen geflossene Blut erbrach und panisch nach der Klingel fingerte. Nur ein paar Jahre später tastete mir ein schwer atmender Oberarzt auf dem Bauch herum und teilte mir kurz und knapp mit: „Der Blinddarm, ganz klar. Übermorgen OP.“ Ich wankte wie vom Blitz getroffen durch den schönen Sommertag und verfluchte meine Voreiligkeit: Die Klassenfahrt ins Nördlinger Ries war mit einem Streich zunichte und damit alle Hoffnungen, nähere Bekanntschaft mit der holden Weiblichkeit zu schließen – seit dem letzten Skilager vergötterte ich ja E.-S., aber ich hatte mit meinen Annäherungsversuchen einfach kein Glück. Dennoch fügte ich mich in mein Schicksal, hatte kurz vor der OP, bereits auf dem Tisch liegend, erhöhten Blutdruck – „Du bist wohl aufgeregt“, konstatierte die Anästhesistin. Am Tag darauf war die Wirkung des Anästhetikums verflogen, so dass ein anderes Bedürfnis um so drängender mein Bewusstsein flutete. Und als mir die Schwester eine Urinflasche reichte und ich jammerte: „Ich kann nicht, ich kann nicht“, versammelten sich ihre Kolleginnen zu viert um mein Bett und beratschlagten lautstark, was denn bei länger anhaltender, psychisch bedingter Strullerblockade zu tun sei. „Blasenkatheter, aber das ist ja ziemlich schmerzhaft, der wird ja über den Penis eingeführt und…“ Ich schluckte bei der Vorstellung. (Ich konnte ja lange Jahre kaum glauben, dass der Blasenkatheter tatsächlich über die Harnröhre eingeführt wird, bis ich kürzlich bei einer Fortbildungsveranstaltung eben diese Prozedur bei einem Polytraumapatienten abgebildet sah.) Ich wußte plötzlich, wie sich die Gladiatoren im alten Rom gefühlt haben mussten, die gebannt auf den ausgestreckten Daumen starrten und schon vorher tausend Tode starben, wenn er allzu sehr zitterte. Aus dem Hintergrund erklang wie das erste, zaghafte Lied eines Vogels im Frühling die Stimme der Praktikantin: „Und wenn er auf die Toilette geht?“ „Ja, ja!“, brüllte ich. „Ja stimmt“, stimmten die anderen zögernd zu. „Er könnte ja seine Narbe mit der Hand halten, damit sie nicht wieder aufgeht.“ Und so wurde ich nun als frisch Operierter auf die Toilette geführt. „Ich verstehe schon. Du konntest nicht, weil einfach zu viele Leute im Raum waren und darauf warteten, dass du dein Geschäft erledigst.“