Portrait

Bestimmte Menschen missachten jedes Distanzbedürfnis anderer Menschen, um durch ihre ständige Präsenz und ihre hartnäckige und ungehemmte Aufdringlichkeit Geheimnissen auf die Spur zu kommen, die ihnen im Gegenzug möglicherweise Macht über die Opfer ihrer Aufmerksamkeit verschaffen. Oft gelingt ihnen das auch, aber leider bemerken sie nicht, dass ihnen selbst größte physische Nähe keinen Aufschluss über das Innenleben geben wird, wenn es vor ihren Augen verborgen bleiben soll. Die größtmögliche Kumpanei wird, obwohl mit der Maske des Wohlwollens und der Freundschaft getarnt, zum Angriff auf die intime Sphäre des so Überfallenen. Sie knacken die Nuss um des Beweises willen, dass es ihnen wieder und wieder gelingen wird, und werfen die Schale danach achtlos fort, wenn der Kern nichts für sie Wertvolles enthält. Sie wundern sich nur, dass ihnen daraus eine Verpflichtung erwachsen soll, sich um Andere zu kümmern, wenn es sich doch in ihren Augen nur um Spielzeuge ihrer durch kaum zu stillenden Neugier handelt. Kalt und planmäßig wird das Gegenüber analysiert und seine Gefährlichkeit oder Brauchbarkeit für eigene Zwecke taxiert, während ihnen wirkliche Probleme und Notlagen gleichgültig sind. Man fühlt sich in der Gegenwart dieser Menschen wie jemand, der unversehens an einen mannshohen Eisblock gefesselt wurde – es kostet Unsummen an Energie, sie auch nur an der Oberfläche zum Schmelzen zu bringen, und man weiß genau, dass man nie zu ihnen durchdringen wird. Die Essenz, das Schmelzwasser, ist hingegen flüchtig und ohne Bestand. Prinzipien und Moral verabscheuen sie zutiefst, weil ihnen das eine Struktur und eine Form aufzwingen würde, die ihnen und ihrer Genialität in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht gerecht wird. Sie tragen Masken und sammeln Feinde und Verbündete, aber nie wird sie irgendetwas im Inneren berühren. Es wäre der Tod ihrer Persona.

„Ist Glauben…

…nicht auch eine Art Philosophie?“, schrieb mir diese Woche ein Freund per email. Und spontan ist mir nichts darauf eingefallen, was ich ihm antworten könnte. Aber dann fand ich mich doch unvermittelt am Anfangspunkt aller meiner Überlegungen wieder. Wenn sich christlicher Glaube, Philosophie und Psychologie in einem Punkt berühren, dann vielleicht im Zweifel an der als so selbstverständlich angesehenen Voraussetzung, dass uns unser Alltagsverstand verläßliche Informationen darüber liefern kann, was und wer wir sind. Die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, könnten aber unterschiedlicher kaum sein. Die Psychologie sagt: Es gibt ein Denkendes, das wir mittels Empirie untersuchen müssen, um die Quelle der Fehlerbehaftetheit unseres Daseins aufzuspüren und, wenn möglich, zu korrigieren. Die Philosophie sagt: Es gibt ein Denkbares, das wir mittels Theorie untersuchen müssen, um die Passung unseres Daseins wiederherzustellen. Der christliche Glaube sagt: Es gibt ein schöpferisches Prinzip, das jenseits des menschlichen Denkens und der menschlichen Erfahrung liegt. Du musst daran glauben, um seiner erlösenden Kräfte teilhaftig zu werden. Der Zen-Buddhismus würde sagen: alle drei geben eine falsch positive Antwort. Da ist nichts, das denkt, gedacht wird oder schöpferisch wirkt. Jeder Versuch des Verstandes, die Erscheinungen zu abgegrenzten Begriffen zu ordnen, stört nur die Harmonie. Das führt mich weiter zu Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das heißt: in exotisch-esoterischen Höhen wird die Luft dünn für die Philosophie und den Philosophen. Denn dort, wo die Begründung aufhört, beginnt der Glaube, aber nicht als Fortführung der Philosophie mit anderen Mitteln. Die Sehnsucht nach Erlösung, Ganzheit und Vollendung hat eine völlig andere Qualität als das kühle Abwägen von Alternativen. Sie treibt den Menschen hinaus aus seinen brüchigen Behausungen, die er mit philosophischen Steinen notdürftig beschwert hat.

Die wunderbare Welt des Double-Bind…

…in der alles wahr ist, auch das Gegenteil. Das Double-Bind funktioniert nicht nur als „positive“ Handlungsaufforderung, sondern auch als Aufforderung zur Bestätigung eines Bildes, das sich ein Gegenüber zurechtgeschustert hat. In diesem Fall könnte die Botschaft lauten: „Du bist ein Versager und kommst nicht mit dem Leben zurecht“, die verbal oder nonverbal übermittelt wird. Dem Adressaten eröffnen sich nun scheinbar mehrere Alternativen, wie er darauf reagieren kann: 1. Er geht in die Offensive und widerspricht dieser These. Das Gegenüber kann diesen Widerspruch vollkommen oder teilweise entwerten, indem er Dritten oder auch dem Adressaten gegenüber mutmaßt, dass der Adressat sich wohl durchschaut fühle und deswegen so heftig reagiere. 2. Der Adressat schweigt. Schweigen kann vom Gegenüber als stille Zustimmung gewertet werden. 3. Er bestätigt die Botschaft. Seltsamerweise ist das die am häufigsten gewählte Strategie, weil der Adressat hofft, dadurch aus der potentiellen Double-Bind-Situation entlassen zu werden. Das Gegenüber wird diese Selbstbezichtigung aber als schweres Vergehen bewerten: der Adressat weiß um seinen desolaten Zustand, zeigt aber keinen Willen zur Änderung. (Humor oder Ironie könnten die Situation zur Komik oder Erkenntnis hin durchbrechen. Aber das Welt- und Selbstbild des Gegenübers hängt in ungleich stärkerem Maße als beim Adressaten davon ab, dass seine Botschaft bestätigt wird.) Sehr häufig kommt dann die als Frage getarnte Aufforderung: „Und warum unternimmst du nichts dagegen?“ Der Adressat gerät so in die Verlegenheit, seine Minderwertigkeit zu heucheln. Sehr viel öfter wird er sich aber mit dem von außen aufgezwungenen Selbstbild eines Versagers identifizieren und depressiv werden, um das Bild Wirklichkeit werden zu lassen. Welche Handlungen der Adressat auch immer unternimmt, er kann das Bild nur bestätigen; natürlich immer unter der Voraussetzung, dass er die Situation aus irgendwelchen Gründen nicht verlassen kann.

Verloren gehen

Kafka war ein Realist, der bestehende psychologische Verhältnisse in symbolische Formen kleidete. Seine Erzählung „Der Bau“ illustriert auf schlagende Weise meinen Wunsch, der Welt auf eine Art und Weise verloren zu gehen, die nur ich selbst verstehe, jenseits der Verlockungen des Wahnsinns und des Freitods. Es ist die angemessene Reaktion auf die Enttäuschung darüber, nicht als derjenige erkannt zu werden, der man seinem Wesen nach ist. Jeder, dem ich begegne, pflegt nur seine eigenen Vorurteile über mich und will von der Realität nichts wissen. Nein, das ist kein Vorwurf. Ich fühle nur eine Müdigkeit in mir, deren Ausmaß nicht zu beschreiben ist. Und ich bin es so leid, mich mit den Gedankenwelten anderer auseinanderzusetzen – wenn das Produkt dieser Auseinandersetzung nur die mehr oder weniger geschickt getarnte Demütigung ist. Selbst wenn ich es im günstigsten Licht betrachte, kann ich darin keine Übung in Demut mehr erkennen, sondern nur noch eine Demonstration von Macht und Erpressungpotential: „Ohne mich wärst du ein Nichts!“. Sie soll in die hierarchische Unterordnung münden und in Ritual und Struktur erstarren. Wann und zu welchen Bedingungen die Diskussion beendet ist, legen andere für mich fest. Ich gehöre zur Seite der Befehlsempfänger. Um das, was ich will, zu erreichen – nämlich keine Befehle entgegenzunehmen und keine zu erteilen, also neutral zu bleiben – müßte ich allerdings die Seite wechseln, was ich schlechterdings nicht kann.