Ralph Siegel

Ralph Siegel war ja der Abgott meiner vorpubertären musikalischen Erfahrungswelt. Während sich neben dem Kinderzimmer meine Mutter im Bügelzimmer bügelnd durch absurd hohe Wäscheberge quälte (von daher auch mein konservatives, leicht ins machohafte umkippende Frauenbild – Kinder, Küche, Kirche), dudelte stundenlang öffentlich-rechtliches Qualitätsprogramm aus dem Radio, das noch deutscher Wertarbeit entstammte. Mir war dabei durchaus behaglich zumute. Wenn ich im Rückblick auf dieses mausgraue, unendlich scheinende Fegefeuer musikalischen Geschmacks meine Erinnerung bemühe, bohren sich Katja Ebstein mit „Theater“ und Lena Valaitis mit „Johnny Blue“ erneut als Ohrwürmer in meine Gehörgänge. Später war ich glücklich, Frühwerke von Hanne Haller und Peter Maffay, die ich geschenkt bekommen hatte, auf meinem eigenen Plattenspieler auflegen zu dürfen. Dann kam die LP „Thriller“ von Michael Jackson, die ich mir von einem Klassenkameraden lieh, die „Beatles“ auf diversen Mixtapes und eine leise Ahnung von vernünftiger Musik. Meine Mutter hörte zu bügeln auf und belegte einen Meisterkurs. Sie hatte wohl erkannt, dass die ununterbrochene Beschallung des Nebenraums mit Schlagern aufgrund von unüberhörbaren Autonomiebestrebungen zwecklos geworden war.