Schieflage

Donnerstag, 10. Juli 2008 21:16

Wenn andere viel zu tun haben, dann gestatten sie sich mir gegenüber, sich unter Druck zu fühlen und gestresst zu sein, und das mit dem Brustton der Überzeugung und im vollen Recht. Auch eine patzige oder mürrische Antwort nehme ich unter diesen Umständen ohne große Worte hin, selbst wenn ich ihre Hilfe aus irgendwelchen Gründen gerade dringend bräuchte. Wenn ich viel zu tun habe, habe ich aus Sicht der anderen nicht gelernt, nein zu sagen. Und wenn ich, derart provoziert, dann tatsächlich nein sage, habe ich nicht gelernt, mir meine Zeit richtig einzuteilen. Oder ich verrate die Freundschaft, die nur ein Synonym für geschickt getarnte Ausbeutung ist. Fazit: Das Problem meiner Arbeitsbelastung ist immer nur ein psychologisches, kein “wirkliches” Problem. Die übervollen to-do-Listen sind nur faule Ausreden. “Achja, und schicken Sie mir das Protokoll doch bitte noch bis morgen zu.” Freie Zeit? Gar zum Sich-Erholen? Jaja, wichtig, bitte gerne doch. “Überstunden abbauen!!!!!!”, klebt das gelbe, höchstrichterliche Post-it auf der Stundenabrechnung. Und jetzt? Ausschlafen? Ein Eis essen? Schwimmen gehen? In der Sonne braten? Haha. Weit gefehlt. “Übrigens: könntest du nicht nächste Woche die Hecke schneiden? Du hast doch Urlaub?” Wer keine Beschäftigung hat (oder so wirkt, als hätte er welche), bekommt eine – verpasst. Ich darf mich schon dem Müßiggang ergeben, es darf nur niemand dabei zusehen. Das ist wie das Parkbank-Dilemma: kaum sitze ich auf einer, will auch schon ein anderer auf derselben Bank Platz nehmen. Was tun? Die Sache aussitzen? Aufstehen? Den Mitsitzer böse anstarren? (Das habe ich alles schon probiert; es interessiert den nach der Parkbank geifernden, spontan erholungsbedürftigen Menschen nicht die Bohne.) Mein Protest, dass ich jetzt doch bitte allein sein wolle, es gäbe noch genügend andere freie Parkbänke, zerschellt am debilen Dauergrinsen oder den unglaublichen Ausfällen meines Gegenübers. “Ist hier noch frei?” “Nein, ich will hier alleine sitzen.” “Das ist doch eine absolute Frechheit. So etwas lasse ich mir nicht bieten. Nein, gerade jetzt setze ich mich zu Ihnen.” Sprach´s, wuchtete sich in den Korbsessel und verschränkte die Arme, während ich, 20 Zentimeter von besagter Dame entfernt beinahe Ellenbogen an Ellebogen sitzend, mit vor Wut glühendem Kopf meinen Eisbecher verschlang. Ja, wäre sie doch nur 30 Jahre jünger gewesen. Aber sie war sich wohl damals schon treu bis zur Selbstaufgabe. Nun ja, wie gesagt: meine Reaktion war auch nicht gerade souverän. Da gibt es noch großen Nachholbedarf, der aber leicht aufzuholen sein düfte: ich bin ja Single und habe wirklich sehr, sehr viel Zeit.

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