Die Schuldmaschine

„Meine Damen und Herren, kommen wir nun zu unserem interessantesten Ausstellungsstück, nämlich der Schuldmaschine. Obwohl sie bereits vor einigen Jahren konstruiert wurde, verrichtet sie noch immer äußerst gewissenhaft ihren Dienst. Sehen Sie, hier an der Schalttafel…“ – der in einer blau-roten Uniform steckende Museumsführer drehte an einigen Reglern und drückte ein paar Knöpfe – „…können Sie Ihre Eingaben tätigen. Die Maschine errechnet einen Schuldquotienten und übermittelt das Ergebnis sofort an die Behörde, wo Ihr Fall durchleuchtet und geprüft wird. Und wenn Sie das ganz große Los gezogen haben, werden Sie in einigen Jahren in Handschellen abgeführt und aller Ehrenrechte beraubt. Aber, wenn Sie mich fragen, ist das ein Mythos, der sich über die Jahre hartnäckig gehalten hat. Es soll auch nur funktionieren, wenn sich der Delinquent tatsächlich schuldig fühlt.“ Rechts und links neben den offenstehenden Mündern und fragenden Gesichtern der Gruppe lösten sich zwei dunkel gekleidete Gestalten und postierten sich unauffällig neben dem Museumsführer. „Kommen Sie näher! Wenn Sie es erst einmal versucht haben, wird es Ihr größtes Unglück sein, nicht von den Behörden belästigt zu werden. Sie werden froh sein, sich Ihre Schuld einzugestehen, und wollen sie vor den eigens dafür eingerichteten Tribunalen nur noch hinausbrüllen, damit sie alle Welt zu hören bekommt. Glauben Sie mir, genau in diesem Moment werden Sie einen kleinen Zipfel ungeheuren Glücks verspüren, nach all dieser dumpfen Warterei auf den Vollzug, nach all diesen furchtbar quälenden Erwägungen der letzten Reste Ihrer Selbstrechtfertigung, nach all den Martyrien der leisen Hoffnung auf Freispruch.“ Die Maschine surrte leise und begann zu vibrieren. Zaghaft löste sich ein älterer, klappriger Mann aus der Gruppe und trat vor. „Oh, wollen Sie? Nur zu! Sie werden es nicht bereuen!“ Der ältere Mann wirkte sehr verlegen und kramte in den weitläufigen Taschen seines ausgebeulten Mantels. Als ihn der Museumsführer, eine rothaarige, vor Energie berstende Erscheinung am Arm packte, um ihn zur Maschine zu schleifen, murmelte das Männchen leise: „Egon Balthasar?“, aber der Museumsführer nahm ohne Umschweife seine Hand und legte sie auf die Tasten des Bedientableaus. Und wieder, fragend, pochend und leise: „Egon Balthasar?“ und wieder und wieder, bis der Museumsführer wie von einem giftigen Tier gebissen zurücktrat und mit kalkweißem Gesicht schrie: „Ja, der bin ich!“, schließlich aber mit den Armen rudernd rückwärts in die Arme der dunkel gekleideten Männer fiel. „Egon Balthasar, man zweifelt an Ihrer Unschuld und nimmt Sie vorsorglich in Haft.“, ging das leise Murmeln weiter. Man hörte das gräßliche Klicken der Handschellen. Nachdem er abgeführt worden war, traten nach und nach einige aus der Gruppe zögernd an die Maschine heran, bis sich schließlich alle in wilder Wollust vor ihr wälzten und einen Knopf zu ergattern hofften, den sie selbst bedienen durften.