Das Sommerhaus

Das Sommerhaus lag fast nur einen Steinwurf vom braunen, trägen Altwasser der Donau entfernt, das in der Sommerhitze leicht brackig wurde und aus dem in den Abendstunden dunkle Wolken von Stechmücken aufflogen. H. erinnerte sich an Herrn Schmidschneider, der das Sommerhaus als vorübergehender Gast wie ein Gutsbesitzer in Beschlag nahm und alle mit einem jovialen Ton begrüßte, die sich auf das Grundstück verirrten. Vor allem die leicht nordische Dialektfärbung passte nicht in die bayerische Ebene, durch die sich der Fluss zu Füßen eines ausgedehnten Mittelgebirgspanoramas schlängelte. Das Sommerhaus hatte eine klassische Veranda, auf der Herr Schmidschneider die Abendstunden in einem Schaukelstuhl verbrachte, genüßlich an seiner Pfeife ziehend. Die Mücken bereiteten ihm keine Probleme. Um so mehr litt seine Frau darunter, die sich wie ein verhärmter Schatten im Inneren des Hauses zu schaffen machte und deren Gesicht nur höchst selten durch den Spalt der offenstehenden Eingangstür hindurch zu erahnen war. H. weinte hemmungslos wie ein kleines Kind, als das Sommerhaus in der Abenddämmerung in Sichtweite kam. Jetzt war es beinahe verfallen und in sich zusammengesunken und trotzte dem Licht, als hätte ein böser Fluch einen Bannkreis um das Haus gezogen. H. kam es noch immer vor wie ein Spuk, als die Polizei eines Tages einen blau leuchtenden Kordon um das Haus gebildet hatte und schwarz gekleidete Herren ein undefinierbares Knäuel, das einmal ein Mensch gewesen sein sollte, auf einer abgedeckten Trage aus dem Haus transportierte. Herr Schmidschneider, der Psychiater gewesen war, mußte viele unangenehme Fragen beantworten, bis die Ermittler den Fall eindeutig unter Suizid verbuchten. Allerdings zogen sich die Ermittlungen wochenlang hin, und Herr Schmidschneider verbrachte seinen Urlaub im Untersuchungsgefängnis, bis er in die Freiheit entlassen wurde und dem Sommerhaus endgültig den Rücken kehrte. H. hatte seit dieser Zeit nie wieder etwas von ihm gehört. Was wollte H. hier? Er stellte sich diese Frage mehrere Male, aber er wußte keine Antwort darauf. Es schien ihm, als wäre er bereit, so lange zu warten, bis er eine Antwort darauf gefunden hätte. Jedenfalls hatte ihn sein Weg hierher und nicht nach Rotterdam geführt, wie er es ursprünglich geplant hatte.