Opium

„Die Religion ist das Opium des Volkes“, so Marx. Ich will Marx nur an einem Punkt korrigieren und das Wort „Religion“ durch „Religionsausübung“ ersetzen. Viele Menschen wollen nämlich keine metaphysischen Erschütterungen und vertragen sie auch sehr schlecht; das, was sie sich von der Religion versprechen, ist im Gegenteil eine metaphysische Beruhigung: „Alles in Ordnung, du kannst und darfst weiterschlafen.“ Sie freuen sich darüber, dass das Gottesbild, das ihnen vermittelt wird, ein so leicht beeinflussbares ist, und üben sich im Ritus und der schrittweisen Entwunderung, die ihnen das handliche Format eines alltagskompatiblen Zaubers bieten. Echte Spiritualität hingegen steht diesem Konzept diametral gegenüber; für ihre Verwirklichung braucht man keine vorgefertigten Formen. Sie bricht sich da Bahn, wo sie es will. Sie besingt den Sprung aus der Rationalität hinaus in die Ekstase.

Ein ekstatischer, metaphysisch „aufgeregter“ Mensch läßt sich nur schwer kontrollieren. Er hat Ideen, die für jede Autorität vernichtend klingen, und muss deshalb zum Schweigen gebracht werden. Sein Geist, der weithin sichtbar Energien transformiert, ist leuchtend und erfüllt. Der Ritus hingegen liebt die Heimlichkeit, die Zurückgezogenheit, das Sich-Verstecken; er tritt nicht als der Ermöglicher, sondern als Verhinderer wirklicher Gottesbegegnung auf. Seine Wirkung beschränkt sich auf geschlossene Räume, in denen die Feier des Seins, die sich ringsherum vollzieht, ausgeblendet bleibt. Die Botschaften, die er aussendet, erschöpfen sich in der Wiederholung des Immergleichen, dem Vollzug eines starren Musters und der Verherrlichung der Autorität. Und schließlich unterstützt der Pakt mit der Macht sein Ziel, alles Lebendige und Sich-Entfaltende zu unterbinden.