Das Verhör

„Geben Sie es doch zu, und halten Sie uns nicht länger zum Narren.“ Der Kommisar verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Sein Gegenüber, ein blonder, junger Mann Mitte 20, blieb unbeeindruckt. „Ich werde mich nicht dazu äußern, bis mein Anwalt hier ist. Solange werde ich Sie belügen. Ich habe ein Recht darauf, Sie anzulügen.“ „Nein, verdammt, das haben Sie nicht. Immerhin sind Sie ein Verdächtiger in einem Mordfall.“ „Was haben Sie denn schon in der Hand?“ „Ihre Fingerabdrücke sind in der Nähe des Tatorts sichergestellt worden. Auf einer kleinen Wodkaflasche, um genau zu sein.“ „Und? Was heißt das denn schon? Es bedeutet lediglich, dass ich dort war. Aber zwischen diesen Fingerabdrücken und dem Ableben des Herrn Professors klafft eine riesige Lücke, die Sie mit nichts als Ihrer Phantasie ausfüllen können.“ „Wir wissen, wie es gelaufen ist, und Sie wissen es auch. Es ist ja nicht so, dass ein blutendes Loch im Schädel und ein tot herumliegender Mensch selbstverständlich sind.“ „Nun ja, rein fiktiv bin ich natürlich in den Wald gelaufen und habe dort ein mittelgroßes Stück Holz geholt. Anschließend habe ich mit diesem den Herrn Professor hinterrücks erschlagen.“ „Warum sagen Sie eigentlich immer Herr Professor?“ „Ich verachte ihn…“, rief er aus und verstummte plötzlich. Seine Augen wanderten auf den Boden, als betrachte er dort eine interessante Szene. Heiser vor Wut fuhr er fort, ohne den Blick zu heben: „Nein, ich verabscheue ihn nicht einmal. Wie erbärmlich. Ich hasse ihn, aus tiefstem Herzen und mit aller Kraft, derer ich fähig bin.“ Die Tür öffnete sich, und der Anwalt stürmte erregt und mit hochrotem Gesicht in den Raum. „Das Gespräch ist zu Ende“, zischte er und knallte seine Aktentasche auf den Tisch. Angrifflustig sah er den Kommissar an. „Ich decke Sie mit Dienstaufsichtsbeschwerden ein, bis Sie im Archiv den Staub von den Aktendeckeln pusten, da können Sie sicher sein.“

The Tempest

Sonnenuntergang

Sorgfältig nahm er das zusammengefaltete Blatt Papier aus dem Umschlag. Es verströmte einen leisen, flüchtigen Duft, der ihn an zurückliegende, glücklichere Zeiten erinnerte. Es war ein Brief, den die Studentin Lea Winter an ihren Professor, Alexander Baer, geschrieben hatte. Die beiden hatten sich sehr gut gekannt, vielleicht zu gut. „Wie auch immer“, murmelte er halblaut und zog seine Schreibtischlampe zu sich heran, um die feine und zierliche Handschrift besser entziffern zu können.

„Lieber Alexander, ich schreibe dir vor allem wegen unseres letzten Gesprächs in der Cafeteria der Philosophischen Fakultät. Verzeih, wenn ich es jetzt ausnutze, dass du mir vor einigen Monaten deine Privatadresse gegeben hast, damit ich dich jederzeit wegen meiner Magisterarbeit über Peruglio erreichen konnte. Aber du machtest damals einen so bemitleidenswerten Eindruck, dass ich nun diese Zeilen an dich richte. Ich weiß, dass du weder über Telefon noch über einen Computer verfügst und diese Errungenschaften unserer modernen Zivilisation für Teufelszeug hältst, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, was der eigentliche Grund für diese heftige Abwehr war. Aber es ist nun mal so: ich habe mich in dich verliebt, in diesen kleinen, verletzlichen Phönix, der unter all der Asche noch ab und zu zaghaft mit den Flügeln schlägt und den ich in diesem wehen Blick erkenne, den er mir durch den Tränenschleier hindurch sendet. Wie schrieb Peruglio: ‚Unter dem Hundsstern finde ich meinen staubigen Pfad; hier noch voller Schatten, doch dort schon in gleißendem Licht.‘ Auch auf dich wartet ein ganzes Universum voller Möglichkeiten. Hier ist der Schlüssel, um diese Tür zu öffnen.“

Das ist ein Auszug aus einer Erzählung, die ursprünglich für das Buchprojekt ‚Sturmtief‘ gedacht war. Ich bin auch schon einigermaßen weit gekommen, aber überhaupt nicht zufrieden mit meiner Idee, die ich einfach nur für überspannt halte. Soll ich die angefangene Erzählung nun zu Ende schreiben?

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