Gewalt

Im Traum verkörpere ich eine Frau. Sie liegt etwas lasziv in einem kurzen Kleid auf einem großen, weißen Bett und will sich von ihrem Freund trennen. Er geht aber nicht darauf ein und führt ihr vor Augen, was sie alles noch gemeinsam erleben könnten; unter anderem verkleidet er sich als Elefant, wackelt lustig mit den übergroßen Ohren und fordert sie zum Mitmachen auf. Sie zögert zwar, steht aber schließlich auf und macht damit deutlich, dass sie an ihrem Entschluss festhalten will. Damit kippt plötzlich die Stimmung – der Freund zieht sie zu sich auf das Bett und hält sie fest, um sie grunzend, schmatzend und johlend zu vergewaltigen. Etwas später befindet sich die Frau zusammen mit ihrem Freund und mehreren unbekannten Männern gefesselt und geknebelt auf einem Boot wieder, das durch ein aufgepeitschtes Meer rast. Als die Männer ein anderes, graues Schlauchboot längsseits streifen, versucht die Frau laut um Hilfe zu rufen und sich auf das Deck des anderen Bootes zu werfen. Sie verbeißt sich sogar völlig verzweifelt mit den Zähnen in ein Seil an der Außenwand des Bootes, um seine Weiterfahrt zu verhindern. Einer der Männer, der am Steuerrad des Bootes steht, zieht eine Pistole und feuert mit einem kalten Blick einen Schuss auf die Frau ab, um sie zur Ruhe zu bringen. Ihr Freund zieht daraufhin ebenfalls eine Waffe und schießt den Mann nieder, sei es, dass er nicht ertragen konnte, wie seine Freundin von den anderen Männern behandelt wurde, sei es, dass er sich dem anderen Mann nicht unterordnen wollte. Mit einem weiteren Schuss bringt ihr Freund sich selbst um, oder die Frau wünscht es sich so sehr, dass sie diese Szene imaginiert, und auch, wie das Boot anschließend ein Polizeiboot rammt und sie endlich von ihrer Atemnot erlöst wird, unter der sie seit ihrer Vergewaltigung leidet.

Ein Freund hat sich beide Arme amputiert und fordert mich nun als Beweis unserer Freundschaft auf, dasselbe zu tun. Ich entledige mich daraufhin ebenfalls meiner Arme. Als ich ihn wenig später wiedertreffe, verfügt er wieder über zwei völlig gesunde Arme, die ihm kurzerhand von einer medizinischen Koryphäe, einem bekannten plastischen Chirurgen, wieder angenäht wurden. Ich sehe ihn durch die Türe eines Seminarraums – er schüttelt verneinend den Kopf, als ich ihm vorwurfsvoll meine beiden Armstümpfe entgegenrecke, so als sei es eine große Dummheit gewesen, sich die Arme abzutrennen und dasselbe von mir zu fordern. Verzweifelt suche ich nun nach einem Weg, meine Verstümmelung wieder rückgängig zu machen. Besinnungslos renne ich durch die Gänge eines Krankenhauses, finde aber niemanden, der bereit ist, mir zu helfen. Irgendwie gelange ich in das Haus eines Arztes, der meine Notsituation erkennt und mich zu seinem Bekannten, einem Chirurgen, bringen will. Ich zeige ihm, wie ich eine Münze greifen kann, aber das sei “nur Einbildung, eine Phantomfähigkeit. Das Gehirn hat sich noch nicht daran gewöhnt, dass mir die Arme fehlen, und gaukelt meinem Ich daher vor, ich würde die Münze greifen.” Wir passen seinen Bekannten gemeinsam auf der Straße ab, als dieser gerade in sein Auto steigen will; es ist ein großer, beleibter und bärtiger Mann, der mich an einen Opernsänger oder Filmschauspieler erinnert. Auf einer Bank sitzend, hört er sich kopfschüttelnd meine Geschichte an, überwältigt von meiner unfassbaren Dummheit und der Tragik meines Schicksals. Schließlich bemerkt er tonlos: “Wir brauchen Unterstützung; für eine Revision ist Präzisionschirurgie vonnöten. Die ganzen Nerven, die wieder verbunden werden müssen!”. Vielleicht findet ja noch jemand im Krankenhaus meine abgetrennten Arme in einem luftdicht verpackten Beutel, damit sie mir wieder angenäht werden können.

An dieser Stelle erwache ich und spüre, wie mir die fehlenden Arme wieder auf die Stümpfe aufgesetzt werden, als würden sie sich aus Nichts materialisieren.

Der verlorene und wiedergefundene Großvater

Mein Bruder zeigt mir in einem Regal eine Reihe von Tongefäßen, die jemand nach der Vorlage von Industrieware gefertig hat. Nun ist etwas ganz Besonderes daraus geworden – mit einer rotgolden schimmernden Glasur überzogene Pokale und Teller, die mich in Staunen versetzen. Es fühlt sich so an, als hätte ich jetzt endlich etwas gefunden, nach dem ich schon sehr lange Zeit gesucht habe. Meine Bruder erklärt mir, dass jemand anderer damit sehr viel Geld verdient hat. Aber ich habe keine Zeit mehr, um mich länger bei ihm aufzuhalten. Irgendwie dringt die Nachricht zu mir, mein Großvater sei nicht tot, sondern immer noch am Leben – sein Tod, das Begräbnis, all das sei ein Mißverständnis gewesen, und ich sehe vor meinem inneren Auge einen offenstehenden, aus grobem, hellen Fichtenholz zusammengezimmerten Sarg, der leer ist. Aufgrund seiner damaligen Todesursache hoffe ich, ihn auf der kardiologischen Intensivstation anzutreffen. Die Station, auf der ich schließlich lande, besteht nur aus Edelstahl und einer orangen Linie als einzigem Dekorationselement. Sie ist so riesig, dass ich minutenlang durch den Gang laufen muss, um am Stützpunkt anzukommen. Dort sind mehrere Ärzte in blauen Kitteln versammelt und über eine Patientenkurve gebeugt, die, als sie mich sehen, ebenfalls wegen eines Herzalarms zu laufen beginnen. Hoffentlich nicht wegen meines Großvaters? Nein, es betrifft einen anderen Patienten. Endlich habe ich die Station einmal umrundet und finde mich in einer großen lichterfüllten Halle wieder, die direkt hinter den Patientenzimmern liegt. Alles macht einen sehr modernen Eindruck. Mein Blick fällt schließlich auf einen runden Empfangstresen, ebenfalls aus Edelstahl und mit einem orangen Dekostreifen versehen. Vielleicht kann man mir dort sagen, wo sich mein Großvater befindet. „Herr L.? Herr L. ist entlassen worden. Er arbeitet jetzt im Vergnügungspark gleich um die Ecke.“ Ich merke, dass ich nicht mehr allein bin, sondern mich ein sehr guter Freund begleitet. Dieser will plötzlich gehen, während ich nach meinem Großvater frage, aber ich ziehe ihn sehr bestimmt wieder an mich und lege ihm meinem Arm um die Schulter. Ich freue mich, dass er bei mir bei der Suche nach meinem Großvater behilflich ist, und spüre eine immer größere, stille Zufriedenheit. Als wir beide am Vergnügungspark ankommen, sehen wir meinen Großvater etwas verloren auf der Bühne stehen. Er trägt ein Headset und preist die Attraktionen des Parks an. Ich wundere mich ein wenig, weil ich meinen Großvater nur als sehr verschlossenen Menschen kennengelernt habe. Aber vielleicht hat er sich ja mittlerweile verändert. Er wirkt wie ein trauriger Clown, mit seinem zu großen, blauen Anzug, den er tragen muss. Das Jackett schlabbert um seinen mageren Körper, die Mütze ist ein wenig verrutscht, überhaupt empfinde ich nur noch Mitleid mit ihm und fühle, wie sich ein Kloß in meinem Hals zusammenzieht. Plötzlich stockt auch seine Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt, und er kommt die Stufen hoch, um mich zu begrüßen. Er kann vor zurückgehaltenen Tränen kaum mehr sprechen. Als der Tränenstrom endlich aus mir herausbrechen will und ich zu einer Umarmung ansetze, stehen wir uns plötzlich durch einen Gitterkäfig getrennt voneinander gegenüber, und er streckt durch die Gitterstäbe seine dürren Ärmchen nach mir aus. Doch nicht ich umarme ihn schließlich, sondern ein kleines Mädchen mit langen braunen Haaren in einem weißen Kleid, das sich vorgedrängelt hat. An dieser Stelle wache ich mit tränengefüllten Augen auf.

Zwei Katzen

Zwei Katzen: eine schwarze und eine mit einem helleren Fell. Beide kämpfen in einem abgedunkelten Schlafzimmer miteinander, in dem ich und eine unbekannte Frau in zwei getrennten Betten schlafen. Die schwarze Katze stößt eine Vase um, faucht und ist sehr aggressiv, vor allem der Katze mit dem helleren Fell gegenüber. Während ich jedoch aufgrund des Lärms, den die schwarze Katze veranstaltet, kein Auge zubekomme, scheint die Frau tief und fest zu schlafen. Ich bin sogar wie ein Schiedsrichter öfter in der Kampfarena auf einer freien Fläche in der Mitte des Schlafzimmers, um sie wieder voneinander zu trennen. Schließlich hebe ich, auf der Bettkante sitzend, schnell meine nackten Füße hoch, als die schwarze Katze auf mein Bett zuspringt und sich darunter verstecken will. Sie wirkt vom andauernden Kampf erschöpft, faucht aber immer noch laut und wild unter dem Bett hervor. Die Katze mit dem helleren Fell fordert sie auch immer wieder heraus, aber mir gegenüber ist sie sehr zutraulich und schnurrt, als ich sie streichle. Plötzlich hüpft die schwarze Katze auf das Fensterbrett und entwickelt sich zu einem kleinen Kätzchen zurück, das unter den geschlossenen Fensterläden hindurchkriecht. Einen Moment lang scheint es noch unsicher zu sein, aber ich flüstere ihm zu: „Spring!“, und in diesem Moment springt es vom Fenstersims ab und streckt alle Viere von sich, wie um mir mit diesem Opfer meine wohlverdiente Ruhe zu schenken. Irgendwie bin ich froh, sie los zu sein, denn sie bereitete mir nur Ärger. Andererseits muss ich sie aber auch sehr geliebt haben, denn ich spüre einen großen und endgültigen Verlust, als sie sich in der warmen Luft eines Sommertages gleichsam auflöst. Ich öffne kurz das Fenster und blicke nach unten – ein sehr hoher Baum reicht nicht einmal ännahernd an unser Stockwerk heran. Nein, einen Sprung aus dieser Höhe wird das schwarze Kätzchen nicht überlebt haben.

Vernichtung

Ich befinde mich in einer großen und langgestreckten Mannschaftsbaracke der Wehrmacht in Russland, die auf Stelzen erbaut worden ist. Es ist ein sehr milder Frühlingsabend, und in der Baracke befinden sich hauptsächlich hochdekorierte Offiziere, die den Feldzug gegen Russland planen. Es herrscht eine sehr ausgelassene Stimmung, und die Offiziere trinken literweise Wodka; der Raum dampft und ist völlig überheizt. Ich sitze etwas seitlich, aber an einem Platz, an dem ich alles sehr gut überblicken kann. Um mich herum rote, aufgedunsene, fiebrig erregte Gesichter. Zwei Feldwebel fahren eine Puppe oder etwas ähnliches vom Eingang her in den Raum; ich kann es anfangs nicht genau sehen, aber es ist doch ein Mensch, der sehr unbeweglich und merkwürdig starr in einer Konstruktion festgebunden scheint. Er trägt die Uniform eines Generals, und auf seiner Brust zeichnen sich zwei rote Striemen ab, deren Verlauf mit den Kragen seiner Uniform korreliert und die Ordensbänder nachbilden sollen. Der Feldwebel, der den Menschen hereingefahren hat, und sein Kamerad könnten sich fast ausschütten vor Lachen. Mit einer blitzschnellen Bewegung reißen sie schließlich die Uninformjacke vom Körper herunter. Zum Vorschein kommt ein leichenblasser Torso eines Partisans oder KZ-Häftlings, der wie eine Schneiderpuppe mit einem Stahlstift auf einem fahrbaren Untersatz befestigt ist. Auch zwei vermutlich mit Offizierssäbeln abgetrennte Arm- und Beinstümpfe wurden unterhalb des Torsos und neben dem Torso auf dieselbe Weise angebracht und bluten noch nach. Das Blut unterstreicht nun erst recht die Verhöhnung alles Menschlichen und stellt eine auffällige Verbindung zur Farbe des symbolisierten Offiziersbands dar. Die versammelte Mannschaft kann nicht mehr an sich halten und brüllt vor Lachen. Ich bin zutiefst verstört von dieser sadistischen Erniedrigung und der sie begleitenden gemeinschaftlichen Wollust, und mir wird übel. Die Schnelligkeit, in der alles geschieht, läßt mir kaum Zeit, mich auf diesen Schock vorzubereiten. Ich stürme an die frische Luft, während das Gelächter in der Baracke hinter mir kein Ende finden will.

Wenige Augenblicke später sitze ich neben Hitler auf der Rückbank seines Führerwagens. Es ist Nacht. Er ist für mich nicht sichtbar, sondern nur ein dunkler Schatten, der sich von mir wegdreht. Wir sprechen kaum miteinander, aber ich spüre seine Verärgerung und Unzufriedenheit, die wie eine Maske auf einem unheimlich tiefen und lauernden Zerstörungstrieb liegen. Dieser Trieb ist, wie alles andere an ihm, nicht von einer besessenen Raserei geprägt, sondern von einer völlig emotionslosen und unbarmherzigen Grausamkeit, einem Vernichten-Wollen um jeden Preis. Ich lasse mich während des Traums davon einschüchtern. Vorsichtig wollte ich ihn davon abbringen, in stark besiedelte Gebiete des russischen Hinterlands einzufallen, und schlug ihm statt dessen vor, große, aber weniger stark besiedelte Landflächen im Norden zu erobern. Ich hoffte dabei auf weniger Tote und auf eine Eindämmung der um sich greifenden Schlachterei. Hitler läßt darüber nicht mit sich reden. Ihm missfallen die Berichte des Generalstabs über den Feldzug im Osten, und immer wieder erinnert er sich unwillkürlich an einzelne Details dieser Berichte, die ihn in eine endlose, monologisierende Rage versetzen. Ich strecke Hitler ein kleines Kätzchen hin, das leise miaut. Das Kätzchen umgibt eine lichtvolle Aura, die die Nacht ein wenig erhellt. Hitler krault das Kätzchen gedankenverloren am Genick, aber so, als bohre er mit seinem Finger nach den Wirbeln des kleinen Lebewesens, um ihm zu zeigen, dass er es jederzeit töten könne und er der Herr über sein Leben und seinen Tod sei. Wenn ich ihm das Kätzchen aufdrängen würde und es beginnen sollte, ihn zu lieben, müßte er es sofort umbringen.

Ich erwache in einem Strudel aus bedrängenden Gedanken und Gefühlen.

Nachtrag: Beim angesprochenen Orden handelt es sich wahrscheinlich um die Medaille Winterschlacht im Osten 1941/42 (Ostmedaille), deren blutrotes Band am 2. Knopfloch der Uniformjacke getragen wurde. Quelle: Wikipedia

Sturm

Ich erwache wie von einem Donnerschlag und stehe sofort auf, da ich ein schlimmes Ereignis befürchte, das unmittelbar bevorsteht. Ich blicke aus dem Fenster und bin für einen Augenblick ziemlich verwirrt: ich blicke wie von einem sehr hohen Punkt aus auf das südliche Tal hinter dem Universitätsklinikum hinab und stehe doch nur an der mir bekannten Fensterfront vor den Kursräumen im rückwärtigen Teil des Klinikums; zudem bin bin überrascht darüber, dass ich vor einem der Kursräume mein Lager aufgeschlagen habe. Über dem Tal türmt sich ein kompakter, gewaltiger Hexenkessel aus pechschwarzen Wolken auf, in dem einzelne Blitze zucken. Er dreht sich in einer rasenden Geschwindigkeit und bildet schließlich einen Tornado, der ganze Häuser wie Streichhölzer in der Mitte auseinanderbricht und wegfegt. Ich bin erleichtert, als ich bemerke, wie sich das Auge des Sturms langsam von den Gebäuden des Klinikums wegzubewegen scheint. In der sich lösenden Anspannung kommt mir plötzlich auch meine grelle Panik zu Bewusstsein.

Nach einem kurzen Schwenk nach links durch die Glastüren, die zur Kinderklinik führen, sehe ich meinen Kollegen M. an einem Patientenmonitor herumhantieren. Er steht etwas weiter weg in einem der rundum verglasten Aufenthaltsbereiche am Ende der C4-Spange und überprüft dort die Netzwerkeinstellungen der Monitore. Ich bin froh, dass er bei uns im Haus arbeitet, da er der einzige ist, der das eben zusammengebrochene Netzwerk wieder instandsetzen kann. Ich bin ihm geistig so nahe, dass es mir irgendwie gelingt, mittels Gedankenübertragung Kontakt zu ihm aufzunehmen. Aber er scheint nur am Rande von mir Notiz zu nehmen, und als ich ihn nach seiner Funknummer frage, antwortet er gedehnt: „Ich habe den 0050-er.“ Er ist auf das Problem mit dem Netzwerk fokussiert, während ich voller Unruhe auf seine Person fokussiert bin und an seinen Lippen hänge. Er allein kann momentan noch die Krise abwenden.

Traumsplitter

Ein Arbeitskollege hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Stolz führt er mich durch ein Labyrinth aus hohen, freskenbemalten Kreuzgängen, in denen ein reges Treiben herrscht. Ich gehe neben ihm her, höre seinen Bemerkungen zu und wundere mich über die vielen Menschen, die sich in dieser weitläufigen Klosteranlage aufhalten. Schließlich gelangen wir zu einer abgetrennten Zimmerflucht, die mein Arbeitskollege und seine alte, kranke Mutter gemeinsam bewohnen. Offensichtlich soll ich länger hier bleiben, denn er will mir eines der Zimmer überlassen. Er öffnet das Fenster und zeigt nach draußen: „Ist das nicht einer herrliche Aussicht?“ Wir befinden uns direkt über dem Hinterhof, in dem ein altes Motorrad steht, und im Hintergrund sind mehrere Hügel und eine größere Stadt zu erahnen. Die Wohnung selbst steht jedoch kurz vor dem kompletten Verfall – der Lack blättert an den Türen und den Fenstern ab, und die dicken Mauern sind mit klammer Feuchtigkeit vollgesogen. Auch der Dielenboden ist staubig und verschmutzt, und von außen dringt wenig Licht in die Räume. Ich kann mir kaum vorstellen, wie man sich hier wohlfühlen soll.

Ich stehe auf einem Flur vor einer Batterie von nebeneinander angeordneten, völlig gleichförmigen Räumen, die jeweils über drei abwärts führende Stufen zu erreichen sind. Die Luft ist extrem stickig. Befinde ich mich hier etwa in einer Kaserne oder einem Gefängnis? Mehrere Mitbewohner teilen sich diese etwa zehn Räume, die rückwärtig durch ein geheimes Tunnelsystem miteinander verbunden sind. Diese Tunnel haben wir selbst gegraben und dienen dem Austausch von Informationen und der Vorbereitung unserer Flucht. Selbstverständlich müssen sie vor dem Wachpersonal geheim gehalten werden. Der Zugang zum Tunnelsystem erfolgt durch ein kleines Stück der Zimmerwand, das eingedrückt werden muss. Als ich gerade den Tunnel betreten will, um etwas frische Luft zu schnappen, klopft es an der Tür. Nach einem kurzen Blickwechsel mit meinem Zimmerkollegen schließe ich den Zugang zum Tunnel wieder. Die Zimmerwand ist nun wieder vollkommen glatt und weiß. Die Tür öffnet sich, und ein etwas beleibter, blonder Wächter betritt das Zimmer. Er ist erstaunt, uns hier anzutreffen und will lediglich das Zimmer inspizieren. Ich klopfe ihm jovial auf die Schulter und drücke ihm spontan eine Tasse in die Hand, die mit Wachs oder einer anderen festen Flüssigkeit gefüllt ist. Dabei schwärme ich ihm von Muster auf der Tasse vor. Er scheint ganz gerührt von meinem Geschenk zu sein: seine Wangen glühen, und seine Augen glänzen. Immer wieder dreht er die Tasse in seinen Händen und betrachtet sie aus allen möglichen Richtungen. Mein Versuch, ihn von unserem Treiben abzulenken, ist fürs Erste geglückt.

Der Skarabäus

Im Haus meiner Eltern findet im Obergeschoss eine Familienversammlung statt, die sehr konzentriert, aber in völliger Stille abläuft. Meine Familie ist um mich herum mit vor Erwartung glühenden Gesichtern gruppiert – mein Bruder sitzt locker auf der Lehne eines Sessels, in dem meine Mutter Platz genommen hat. Mein Vater steht hinter meiner Mutter, ist aber für mich kaum sichtbar, da der Raum ziemlich duster ist. Weiter weg erkenne ich noch mehrere mit dunkelgrünem Samt bezogene Fauteuils. Da sie mich unangenehm anstarren, richte ich meinen Blick auf den Boden und bemerke dort eine schwarz glänzende, sich bewegende Oberfläche…ich schreie auf, was meine Familie missbilligt. Auf dem Boden krabbelt ein riesiger Skarabäus herum, der gut 30 Zentimeter lang ist. Während ich mühsam nach Luft ringe, versucht meine Familie den Skarabäus vor mir zu verstecken. „Nun reg dich doch nicht so auf…“ Aber selbst unter dem roten Samtkissen, unter den meine Familie ihn gesteckt hat, ragen seine sechs Füße hervor. Nein, ich werde mich nicht darauf setzen und so tun, als sei nichts vorgefallen. Schließlich hebt ihn mein Bruder mit einer Miene des Angeekelt-Seins vom Boden auf. Der Skarabäus ist nun ganz flach und sehr weich, wie eine Art bräunlich-durchsichtiger, organischer Gummi. Mein eigener Ekel schlägt in eine heftige Übelkeit um. Als mein Bruder an mir vorbei in Richtung Balkontür geht, um den Käfer hinauszubringen, bemerke ich, dass sein Ekel nicht dem Insekt, sondern meinem Verhalten gilt. Der Skarabäus wird von meiner Familie wie eine äußerst glückverheißende Prophezeiung aufgenommen. Meine Aufregung kann zumindest hier im Raum jedoch kaum jemand nachvollziehen.

Allein und zu zweit

Ich warte in einem belebten Raum – vielleicht eine Art Empfangsbereich in einem Flughafen oder Hotel – zwischen meinen Gepäckstücken auf eine bestimmte Person, die aber nicht oder nie mehr kommt. Meine beiden Begleiter sehen mich mit verstohlenen, mitleidigen Blicken an, so als ob mein Warten etwas gänzlich Sinnloses sei. Ich bin aber von einer Reise viel zu erschöpft, um auf ihre Blicke zu reagieren. Statt dessen schlafe ich auf einer Holzbank ein und erwache mitten in der Nacht wieder. Die Person, auf die ich gewartet habe, ist nicht erschienen, und ich schleppe mich zu einem freien Holztisch in einem sehr großen, halbdunklen Saal, um dort meinen Laptop in Betrieb zu nehmen. Über dem Empfangstresen brennt zwar Licht, das den Saal ein wenig erhellt, aber selbst meine Begleiter sind mittlerweile verschwunden. Ich fühle mich verlassen und hoffnungslos, fast wie ein ausgesetztes Kind.

Wenig später sitze ich mitten im lauten, ohrenbetäubenden Getümmel eines Schulungsraums, den ich während der Pause verlasse. Einige Schritte entfernt wartet eine Frau auf mich, die sich an den Kühler und die Motorhaube eines hellblauen Oldtimers lehnt. Erst jetzt bemerke ich, dass es sich bei der Frau um Zucker handelt. Ich stelle mich zunächst wortlos neben sie, aber ihr Gesicht wirkt auf mich so hinreißend, dass sie küssen muss (Ist es wirklich Zucker? Oder nur eine Animagestalt, die ihre Gesichter nach Belieben wechseln kann? Ich bin etwas verwirrt, aber nur ganz oberflächlich; in einer sehr viel tieferen Schicht meines Wesens erkenne ich in ihr mein Gegenstück. Auch nach unserem Kuss verliere ich sie immer wieder ganz oder teilweise aus meinem Blickfeld, empfinde aber überdeutlich ihre Gegenwart.) Ich ziehe sie stürmisch an mich und greife in ihre blonden Haare. Und obwohl sie zunächst eine Schnute zieht und mir nur die Wange hinhält, als wolle sie mich abweisen, ist es doch nur ein Spiel. Nach kurzer Zeit erwidert sie mit einem innerlichen Lächeln meine leidenschaftlichen Küsse, und ihre Stimme sagt in meinem Kopf: „Endlich ist es so, wie es immer sein sollte, aber bis jetzt nie war.“ Gemeinsam gehen wir wieder in den Schulungsraum zurück, und ich strahle vor Zufriedenheit, weil ich Zucker vorher noch nie so glücklich erlebt habe.

Wilde Schießerei

Traumfragment: In einem abbruchreifen Haus treffe ich als Freischärler auf einige Gleichgesinnte, die zusammen mit mir ihre Verteidigung gegen eine Armee übermächtiger Gegner organisieren wollen. Ich trage eine Maschinenpistole bei mir und feuere ein ganzes Magazin auf eine dem Fenster gegenüberliegende Mauer, um die Angreifer in Schach zu halten. Es staubt ziemlich, und der Putz fällt großflächig herab. Ich habe zwar das Gefühl, die Situation zu kontrollieren, aber durch das wilde Drauflosgeballere fehlt uns nun die Munition. Einer meiner Kameraden hält mir einen grauen Briefkorb hin, in dem mehrere Magazine mit einer milchig weißen Plastikummantelung und nur zwei oder drei Patronen Inhalt liegen. Ist das die richtige Munition, die ich verwenden kann? Ich bin skeptisch. Allerdings muss ich in der Situation, in der wir uns befinden, auch mit weniger perfekten Lösungen vorlieb nehmen, und spanne daher versuchsweise ein Magazin in die Maschinenpistole ein. An dieser Stelle wache ich auf.

Unterricht

Ich stehe vor einem Kurs mit siebzig, vielleicht achtzig Teilnehmern und soll dort meinen gewohnten Vortrag über das Medizinprodukterecht halten. Der Raum wird im Laufe des Traums immer voller, und ich erkenne flüchtig die Gesichter ehemaliger Klassenkameraden; es herrscht eine fröhlich, ja ausgleassene Stimmung wie kurz vor den Sommerferien oder einer großen Feier. Der Raum ist relativ merkürdig geschnitten, er hat den Grundriss eines ausladenden Kelchs oder einer ausladenden Blüte, und schließt dort, wo er sich verengt, mit einer Art Bühne oder Erhebung ab. Zunächst bereite ich die Medien vor; dazu kurble ich eine Präsentationswand herunter, auf der ich auch schon das Standbild des an der Decke montierten Beamers sehen kann (Gott sei Dank, wenigstens der Beamer funktioniert!). Ich frage, ob das Bild sichtbar und scharf genug ist, aber einige aus den hinteren Reihen verneinen. Das nächste Kunststück besteht darin, meine Präsentation auf einem der angeschlossenen Rechner zum Laufen zu bekommen. Aber es ist zum Verzweifeln – ich komme mit der Oberfläche nicht zurecht und werde immer nervöser, während die Zeit verrinnt und die wartenden Kursteilnehmer sich bereits ganz offen über meine offensichtlich nicht vorhandenen medialen Kompetenzen unterhalten. Nach einem Neustart des PC´s sehe ich ganz andere Menüs, als ich gewohnt bin. Diese öffnen sich erst dann, wenn ich lange genug mit dem Mauszeiger auf dem Namen des Ordners bleibe. Ich klicke wild auf der Oberfläche herum, und Ordner für Ordner öffnet sich. Mein Unvermögen beginnt langsam, für mich peinliche Dimensionen anzunehmen, und ich beginne, heftig zu schwitzen. Um mich herum stehen 10 Menschen, die mir Tipps geben und mir beinahe die Hand von der Maus wegziehen wollen. Egal, so wird das nichts. Nach einem Blick auf die Uhr sind nun bereits 30 Minuten vergangen, in denen nichts passiert ist.

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