Im Untergrund

Ich folge einer Treppe in den Keller, in dem ich vertraute Räume wiederzuerkennen glaube. Um meine Annahme zu bestätigen, öffne ich eine angelehnte Türe, und tatsächlich verbirgt sich dahinter ein Badezimmer. Seit meinem letzten Besuch hat es sich aber sehr verändert: es ist plötzlich weiß gefliest und strahlt eine große Sauberkeit aus. Als ich die Türe jedoch ganz öffne, entdecke ich die zerprungene Toilettenschüssel, die in der Ecke steht. Ganz im Gegensatz zum perfekten Weiß des übrigen Raums ist sie zerbrochen und schmutzig, und daneben sprießt Unkraut aus dem unreinen, schlammigen Morast. Ein stechender, fauliger Geruch fährt mir in die Nase. Die Renovierung ist wohl komplett mißlungen, wenn die weißen Fliesen nur das eigentliche Problem übertünchen sollen. Als ich den Gang im Keller weiter entlanggehe, treffe ich auf einen Treppenaufgang, der rötlich erleuchtet ist. Befindet sich hier nicht irgendwo ein Bordell in der Nähe? Mißtrauisch beobachte ich die Menschen, die sich auf den Treppenstufen versammeln. Aber nein, denke ich und muss über mich selbst schmunzeln, es ist nur ein Tanzstudio, in dem sich die Paare im scharzen Frack und weißen Kleidern zum Rhythmus des Tango in den reihum aufgehängten Spiegeln reflektieren. Ich stehe etwas abseits und sehe, anonym in der Menge der Zuschauer stehend, den Tänzern voller Vergnügen zu. Wenig später stürmt S. außer Atem in das Studio, begleitet von mehreren Freundinnen. Als sie mich sieht, steuert sie sofort auf mich zu und boxt ihren Handrücken neben meinem Kopf in die Wand. „Na, das ist ja auch eine Form der Begrüßung“, sage ich zu ihr. Sie lächelt ihr schönstes Raubtierlächeln und zieht mich mit sich auf die Tanzfläche. Es ist sehr angenehm an, so von ihr begehrt zu werden und sich völlig in dieses Begehren fallen lassen zu können. Ihre Augen sprühen und funkeln vor Lust. Während wir leicht und mühelos Körper an Körper tanzen und jede Bewegung ein elektrisches Knistern auslöst, nimmt S. mehr und mehr die Färbung meiner Persönlichkeit an, als fände zwischen uns eine magische Übertragung statt.

Das Internat

Ich besuche einige Gemeinschaftsveranstaltungen auf einem weitläufigen Gelände, das architektonisch Züge der Universität und des Campus trägt. Dabei stelle ich mit Entsetzen fest, dass die Gebäude der NSDAP gehören und die Veranstaltungen in einem sehr engen Zusammenhang mit der NS-Ideologie stehen. Langsam wird mir klar, warum ich mich hier aufhalte: ich bin das Kind in Ungnade gefallener Adliger, die ihre Parteitreue dadurch beweisen wollen, dass sie ihr Kind auf ein NS-Internat schicken. Da gerade die Sommerferien vor der Tür stehen, bräuchte ich jedoch nur den Leitern der Einrichtung mitteilen, dass ich zum nächsten Schuljahr nicht mehr kommen werde, ohne dass meine Entscheidung zu größeren Nachfragen führen würde. In einem Verwaltungstrakt treffe ich mehrere Bekannte, die ich frage, wo sich das Büro des Gauleiters „Kultur“ befindet. Sie zucken ratlos die Achseln. Ich weiß zwar, dass sich das Büro hier irgendwo sein muss, aber der Gauleiter hat sich wohl schon in den Sommerurlaub verabschiedet. Statt dessen laufe ich zu meiner Familie, die sich in einem Seitenraum zum Mittagessen versammelt hat, und schleudere den Familienmitgliedern wutentbrannt meine Entscheidung ins Gesicht. Sie reagieren dennoch kaum auf mich: mein Vater wendet mir während meiner Rede den Rücken zu, und eine stark geschminkte Tante mit einem riesigen Federhut, die mir am Tischende gegenüber thront, rümpft die Nase und vermeidet es, mich anzusehen. Mein Auftritt ist ihr peinlich. Von meinem Vater ausgehend liegt eine depressive und resignative Stimmung in der Luft. Anschließend bewege ich mich sehr frei durch verschiedene Klassenzimmer, in denen noch unterrichtet wird, und bin zum Bersten von einer seltsam unbestimmten Sehnsucht erfüllt. Zunächst glaube ich, dass ich mich nach meiner alten Heimat zurücksehne, die ich bald wiedersehen werde, aber als ich aus dem Fenster sehe, strahlt mir eine atemberaubende Bilderbuchlandschaft mit schneebedeckten Gipfeln, grünen Matten und kleinen, glitzernden Seen in den Tälern entgegen, und ich weiß, dass es trotz aller Widrigkeiten, die mir hier begegnet sind, um Abschiedsschmerz handelt. Später beschließe ich, noch einmal schwimmen zu gehen, und schnappe mir dazu mein Fahrrad, das ich auf dem Campus umständlich über mehrere Betonstufen ins Tal hieven muss. Der vermeintliche See entpuppt sich als ein hochmodernes Freibad, dessen Becken durch Neonlicht bläulich erhellt werden. Ein kleines Häuschen mit den Umkleiden steht längsseitig zu einem weiteren Becken, an dem ich meine Klassenkameraden herumtoben höre. Sie können mich im Schatten des Häuschens nicht sehen. Schnell versuche ich meine Badehose anzuziehen und bin ein wenig enttäuscht, weil ich eigentlich gehofft hatte, in Ruhe ein Buch lesen zu können.

Blutentnahme

Gesicht Ich werde wegen einer rätselhaften Krankheit zur Blutentnahme gebracht. Eine Ärztin wartet bereits auf mich und begrüßt mich. Wir stehen mitten im Freien. Um das Blut zu stauen, wird mir eine Manschette um den rechten Oberarm gelegt. Einen kurzen Augenblick später sehe ich, dass die Ärztin meinen rechten Unterarm in der Hand hält, aus dem wie Gummischläuche die blau gefärbte Vene und eine rot gefärbte Arterie hängen. Die Ärztin reibt mit Daumen und Zeigefinger an der Arterie, um das Blut aus dem Unterarm zu gewinnen. So wie sie es tut und mich dabei anlächelt, hat es eine beinahe zärtliche und erotische Note. Ein Hauch von Lust und Begehren liegt in der Luft, der seltsam körperlos ist. „Das ist eine neue Form der Blutentnahme. Damit kann man die Creme besser einfangen.“, erklärt sie mir, während das Blut wie schwarzer Holundersirup in einen am Boden stehenden Reagenzkolben tropft. Sie meint sicherlich irgendeinen Blutbestandteil, den sie nun in besonders reiner Form separieren und untersuchen kann. Plötzlich fährt ein siedend heißer Schmerz in meinen Körper, der an der Grenze des Erträglichen liegt. Ich betrachte meinen Oberarm und stelle fest, dass an der Stelle, an der die Manschette angelegt war, eine breite Operationsnarbe rund um den ganzen Arm verläuft. Der Bizeps scheint irgendwie verdreht angebracht zu sein und ich fühle, dass er mir wie ein schlecht sitzendes Kleidungsstück nicht passt und unablässig Schmerzen bereitet. Vor meiner Tante und meinem Onkel schlage ich später meinen Hemdsärmel zurück – der ganze Arm ist bleich und von schwarzen Muttermalen übersät – und sage: „Ich werde wohl mehr Krafttraining betreiben müssen, damit sich das wieder einrenkt.“

Anmerkung: In der antiken Temperamentenlehre wurde die Melancholie durch einen Überschuss von schwarzer, verbrannter Galle erklärt, der sich im Blut befand. An Melancholie Leidende wurden folgerichtig in der Vergangenheit häufig zur Ader gelassen.

Die Widderherde

Auf einem Höhenweg gehe ich auf eine eingestürzte Steinmauer mit einem Torbogen zu. Im Hintergrund sind kahle Bäume zu erahnen; es ist Herbst, und alles Dinge sind mit einem matten, grauen und unwirklichen Farbton überzogen. Im Grundstück hinter der Steinmauer entdecke ich meine Familie und einige andere Personen, die mir von dort aus entgegengehen. Aber ohne dass ich sie bemerkt hätte, beißen sich plötzlich zwei Hunde, einer mit beigem, einer mit schwarzem Fell, an meinem rechten und linken Handgelenk fest. Ich will sie abschütteln, aber es gelingt mir nicht. Ein riesiger schwarzer Hund steht etwas abseits auf dem taunassen Gras. Als meine Eltern näherkommen, erteilt mein Vater den Hunden kurze Befehle, so dass sie von mir ablassen. Jetzt aber stürmen aus dem Garten Dutzende von aggressiven, schwarzen Widdern, die mit ihren Hörnern hart an meine Schenkel stoßen. „Geh uns aus dem Weg!“, sagt der drohende Ausdruck ihrer Augen. Gleichzeitig kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als würden die Tiere und meine Familie vor mir fliehen wollen. Ich höre die Stimme meines Vaters: „Einmal kann man das ja machen, aber mehrmals…“ Als ich die Einfriedung hinter mir lasse, gelange ich plötzlich in das dunkle Innere einer beängstigend großen, leeren Kathedrale. Ich lege mich auf ein Bett, das an einen Stützpfeiler gerückt ist, und sehe, wie das strahlende Licht der aufgehenden Sonne eine Farbsymphonie sehr weit oben unter der Decke zum Leben erweckt. Ein gleißender Strahl fällt auf den golden glänzenden Altar, vor dem das Bett steht. Im Licht fühle ich mich sicher, während ringsherum eine brütende, von unheimlichen Schatten belebte Stille herrscht. Später kehre ich von diesem Ausflug in das Dorf zurück, in dem ich wohne. Zwei unbekannte Begleiter schreiten auf der Straße zum Bahnhof weit aus und unterhalten sich leise flüsternd über mich; dabei sehen sie mich von der Seite her an, bis sie endlich ein gemeines Grinsen aufsetzen und weitergehen. Ich hingegen quäle mich ein paar Metern neben ihnen über Mauern und durch Holzfenster hindurch, bis ich endlich auf die Straße gelange. Von dort aus kann ich jedoch auf den zugefrorenen Stellen der Straße in der Hocke weiterrutschen. Zuhause angekommen, ziehe ich die bunten Vorhänge vor meinem Bett zu und schalte das Licht aus. Mein Mitbewohner läßt sich dadurch jedoch nicht aus der Fassung bringen und übt weiter auf seiner elektrischen Gitarre, deren Ton mir durch Mark und Bein fährt. Ich halte mir mit dem Kissen die Ohren zu, aber ich kann so nicht schlafen, obwohl ich völlig erschöpft bin. Als mein Mitbewohner endlich die Gitarre zur Seite legt, kommen statt seiner zwei weitere Mitbewohner in mein Zimmer und setzen sich in zwei Ledersessel, die am Fußende meines Bettes stehen. Dort unterhalten sie sich lautstark und zünden sich eine Zigarette nach der anderen an. Der Rauch fährt mir jäh und unangenehm in die Nase. Ich schreie sie völlig außer mir an: „Hallo! Ich würde gerne schlafen!“ Beide sehen mich verwundert an. Dabei ist doch klar, dass ich während der Nacht in der Kirche kein Auge zugetan habe.

Der Suizid

Ich betrete das Haus meiner Großeltern, in dem gerade ein Fest stattgefunden hat. Die Tafel steht noch mitten im Wohnzimmer und ist mit halbgefüllten Tellern, Schüsseln und Gläsern überladen. Die Gäste haben jedoch das Haus verlassen – eine unheimliche Stille hat vom Haus Besitz ergriffen. Auf einem der Stühle an der Tafel sitzt seltsam erstarrt mein Bruder. Als ich von hinten an ihn herantrete, habe ich das Gefühl, er würde jeden Augenblick zu reden beginnen und zu Messer und Gabel greifen. Er wirkt beinahe durchsichtig, als wäre er aus Bernstein, und plötzlich weiß ich, dass er sich selbst umgebracht hat. Ich muss die Polizei und meine Mutter darüber informieren, aber es fällt mir in meiner Verwirrung äußerst schwer, die Tastenkombination 1-1-0 auf meinem Handy einzugeben. Die Stimme des Polizisten, dem ich meine Beobachtungen mitteile, klingt amüsiert, was in einem grellen Kontrast zu der grausigen Entdeckung steht, die ich gerade gemacht habe. „Suizid, Suizid!“, brülle ich immer wieder ins Telefon. Doch der Polizist am anderen Ende der Leitung versteht nicht, worüber ich mich so aufrege. Ich muss also meine Mutter sprechen. Da sie am anderen Ende des Dorfes mit Bekannten weiterfeiert, muss ich sie wohl oder übel dort aufsuchen. Ich will aber die Leiche meines Bruders nicht ungeschützt zurücklassen, da ich befürchte, jemand könnte sie während meiner Abwesenheit entfernen. Als ich nach einer Ewigkeit endlich meine Mutter begrüßen kann, scheint auch sie bester Dinge zu sein und kann gar nicht glauben, was ich ihr erzähle. Wieder bediene ich völlig umständlich mein Handy und rufe die Polizei an. Der Kommissar, mit dem ich nun verbunden werde, stellt mir in harmlosem Ton einige gezielte Fragen. Ich beginne zu ahnen, dass ich des Mordes an meinem Bruder verdächtigt werden könnte, und lege mir bereits gedanklich ein sicheres Alibi zurecht. Dumm nur, dass ich der erste war, der ihn gefunden hat, und nicht sagen kann, was sich vor seinem Tod im Einzelnen abgespielt hat.

Anmerkung: Dass mich der Traum heute sehr stark aufgewühlt und beschäftigt hat, möchte ich nicht ganz unerwähnt lassen. Dabei kam mir vieles wieder in den Sinn, was ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe und in weitestem Sinn das Thema Geschwister aufgreift. Gut möglich, dass die Erzählung „Der Gottesbeweis“ auf diese Weise nach einer Fortsetzung verlangt. Es wird Zeit, sich den Schatten zu stellen.

Klick-Klick!

Ich laufe mit drei seltsamen Begleitern durch eine Comicwelt oder eine Zwischenebene der Realität, die wir schnellstens verlassen müssen. Dabei gelangen wir zu einer Mauer, an die eine mit schwarz-weiß gefleckte Straße angrenzt. Die schwarzen Schatten auf der Straße sind sehr exakt gezeichnet; je genauer ich hinsehe, um so deutlicher treten ihre scharfen Ränder hervor. Wir müssen uns vorsehen, auf dieser Straße nicht entdeckt zu werden. Da meine Begleiter ebenfalls Comicfiguren sind, gleiten sie lautlos durch die Nacht, während ich so laut bin, dass ich eine böse Figur, den „roten Baron“, zum Leben erwecke. Ich höre den „roten Baron“ bereits durch eine Hecke knurren, als ich die Straße entlang gehe. Er ist nur eine farblose Gestalt, die ich dennoch deutlich als Wassersäule vor mir sehe. Als er sich mir in den Weg stellt, trenne ich ihm mit zwei, drei Hieben meines Säbels seine Arme ab und folge meinen Begleitern. Als ich bei ihnen ankomme, werde ich hastig darüber aufgeklärt, dass wir uns bei einem Transformationstor befinden und ich einschlafen muss, um auf eine andere Ebene zu gelangen. Mittlerweile ist uns eine ganze Meute auf den Fersen. Ich frage meinen Begleiter, den ich erst jetzt als Hund mit hellbraunem Haar identifiziere, wie das gehen soll – wenn ich einschlafen muss, gelingt es mir meistens nie. Er reibt daraufhin seine Schnauze auf meiner Brust und betätigt dabei einen Schalter, so dass ich körperlich zwar in Ohnmacht falle, aber dennoch ein Bewußtsein habe und alles Sinneseindrücke registriere. „Nun, spürst du etwas?“, fragt mich der Hund. Noch einige Male schaltet er hin und her – Klick-Klick! – um mich daran zu gewöhnen. Schließlich rutsche ich durch eine Klappe in eine Art Ofen, in dem eine flüssige Feuerwalze auf mich zurollt. Ich werde zu Asche verbrannt, kann aber nach der Prozedur wieder aufstehen und den Ofen durch eine Tür verlassen. Auf der anderen Seite sehe ich durch ein längliches Fenster, das in einer Art messingglänzenden Röhre eingelassen ist, in das Innere des Ofens. Ich bin begeistert darüber, dass die Transformation so einfach war.

Telefonkabel

Ich befinde mich gemeinsam mit einer Bekannten in einem Hotelzimmer, in dem wir uns vor einem Killerkommando der Mafia verstecken. Trotz meiner inständigen Bitten, das Licht auszuschalten, damit wir nicht entdeckt werden, betätigt sie immer wieder den Lichtschalter. Die Zimmertüre hat einen großen Glaseinsatz und führt auf einen nicht allzu langen Flur, durch den ich etwas weiter weg die Stimmen der Männer höre, die nach uns Ausschau halten. Ich suche hektisch nach einer Möglichkeit, uns aus dieser Situation zu befreien, während meine Bekannte völlig apathisch und gleichgültig wirkt. Schließlich sehe ich eine Telefonbuchse, aber wo ist das verdammte Telefon? Ich reiße den Schrank auf, der im Zimmer steht, und durchwühle die Fächer mit den muffig riechenden Decken. Endlich halte ich ein Telefon in der Hand. Als ich das Telefon mit zwei Kabeln anschließen will, beginnt das stromführende Kabel in der Buchse zu rauchen und zu schmoren. So kann ich keinesfalls telefonieren. Ich sehe mir die Kabel näher an, und in erhobenen Buchstaben steht darauf: 110 V. Kein Wunder, dass das Telefon bei einem 220 V-Netz nicht funktioniert. Ich ziehe das Kabel wieder aus der Buchse heraus und stecke es dann wieder ein, um zu testen, ob ich das Telefon vielleicht für einen kurzen Anruf bei derPolizei benutzen könnte. Aber die sofort herausspritzenden Funken und der Qualm, der aus der Buchse kommt, lassen auch bei kurzzeitiger Benutzung einen Zimmerbrand befürchten. Als ich höre, wie sich die Stimmen unserem Zimmer nähern, steige ich aus dem Fenster, um zu überprüfen, ob wir uns vielleicht an den Mauervorsprüngen festhalten und so unentdeckt bleiben könnten, während die Männer unser Zimmer durchsuchen. Es sind rosafarbene Stuckvorsprünge, die mein Gewicht sehr gut tragen. Aber meine Bekannte hat Angst vor dem Verkehr auf der Straße und bittet mich, wieder in das Zimmer zurückzukommen. Ich gerate in Panik, weil ich nicht weiß, was wir jetzt noch unternehmen sollen, aber im nächsten Moment stehen wir vor der Freitreppe zum Präsidium und sprechen mit dem Polizeipräsidenten, der uns jovial lachend versichert, dass der Anführer des Kommandos aufgrund unserer Hinweise schnell verhaftet werden könnte.

Film, Hinrichtung und das Gesicht

Ich bin ein Gefängniswärter, der im Todestrakt einen Mann betreut, der sich für vollkommen unschuldig hält. Ich bin überzeugt davon, dass er das Verbrechen, für das er hingerichtet werden soll, nicht begangen hat, aber ich kann ihm kaum helfen und höre ihm schweigend zu. „Ich werde sterben“, ruft er in einer wahnsinnigen Erregung aus, als er seine ausweglose Lage erkennt. Schließlich sinkt er resigniert in sich zusammen. Er liegt gefesselt auf einer Art Andreaskreuz aus silbrig glänzendem Edelstahl und redet weiter wie besessen, als sei das ein probates Mittel, seine Hinrichtung hinauszuzögern. Aus dem Dunkel nähert sich eine Hand und ein Arm seinem Gesicht und tupft sanft die Speichelreste mit einem roten Schwammtuch weg. Das Tuch ist mit Äther getränkt, um ihn zu betäuben. Er sieht die Hand und den Lappen mit dem scharfen Geruch verwundert an, als wären sie Gegenstände, die er hier auf gar keinen Fall erwartet hätte. Dem fiebrigen Glanz in seinen Augen ist anzumerken, dass er nicht weiß, was mit ihm geschieht. Dann fällt oder rutscht er das Kreuz hinunter und wird von einem gelben Seidentuch gewürgt, das um seinen Hals geschlungen ist. Unmittelbar darauf sehe ich vor mir das überdimensionale Gesicht einer Frau, die etwas zu erklären versucht und immer wieder ins Stocken gerät. Ich weiß, dass sie für die Hinrichtung des Mannes verantwortlich war und nun versucht, sich selbst von der Verantwortung freizusprechen. Als die Lippen der Frau gezeigt werden, bemerke ich, dass ich in einem Kino sitze und es sich bei den Großaufnahmen um einen Dokumentarfilm handelt. Ich bin verwirrt – war die Tatsache, dass ich Gefängsniswärter war, nur eine Folge davon, dass ich mich mit einer Person aus dem Film sehr stark identifiziert hatte? Als ich mich wieder auf den Film konzentriere, stelle ich mit Erschrecken fest, dass sich die Hautoberfläche der Frau verändert hat – sie ist beinahe narbig, mit feinen, klar voneinander abgegrenzten Runzeln überzogen und hat eine gräuliche Farbe wie verdorbenes Fleisch. Ihre Stimme soll Erleichterung vorspielen, sie versucht sogar ein nervöses Lachen, aber man spürt das bei ihr aufsteigende Entsetzen über ihre Tat. Schließlich zeigt der Film eine Szene in einer düsteren, öden Landschaft unter einem pechschwarzen Himmel, bei der im Vordergrund ein kahler Baum zu erkennen ist. Aus dem Hintergrund taucht das eingefallene, gespenstische Gesicht des Toten auf, und der ununterbrochene Monolog der Frau spitzt sich zu einem Schrei zu.

Verlassene Bahnstation

Ich weiß, dass ich meinen dienstlichen Laptop in irgendeinem Hotel dieser unübersichtlichen Stadt abgestellt habe und bin nahe daran zu glauben, dass er mir gestohlen wird und ich ihn nie mehr wiedersehen werde. Um ihn zu suchen, zwänge ich mich durch enge, dunkle Treppenschächte und gelange schließlich auf einen verlassenen S-Bahn-Steig. Ich gehe ein Stückchen und drehe mich um: die Gleise schlingen sich in der Ferne ineinander und füllen fast den gesamten Horizont aus. Wo bin ich hier nur gelandet? Werde ich je wieder nach Hause kommen? Es ist früher Morgen. Kein Zug fährt, und ich höre kaum Geräusche. Wenig später fahre ich in einem schwankenden Bus mit, in dem ich wie ein Reiseleiter mitten auf dem Gang stehe und mutige Sätze von mir gebe. Ich bin vom vielen Reden bereits so heiser, dass mir das Sprechen Schmerzen bereitet. „Ich würde, wenn ich Regierungschef wäre, nicht dorthin gehen und die Einladung ausschlagen, wenn sie in irgendeiner Verbindung mit Drogenhandel stehen könnte.“ Gerhard Schröder sitzt auf der Rückbank und sieht mich mit seinen blassblauen Augen erstaunt an. Angela Merkel, die ein paar Stuhlreihen weiter vorne sitzt, verzieht missbilligend das Gesicht und wendet sich von mir ab.

Sterbebildchen

Ich gelange in einen merkwürdigen Raum mit einem verglasten Erker, in dem eine Badewanne und eine Dusche installiert sind. Auch mehrere auffällig glitzernde und überladene Kronleuchter hängen im Erker zum Teil auf Kopfhöhe. Auf mich wirkt das wie ein überflüssiger, ja beinahe ärgerlicher Luxus. Davor steht ein Tisch, auf dem eine Karte liegt. Die Karte wurde auf den Innenseiten mit einer mir unbekannten Schrift mit Goldfarbe vollgeschrieben. Ich versuche zwar, den Text zu lesen, finde das aber plötzlich indiskret und höre abrupt auf, weiterzulesen. Als ich die Karte umklappe, sehe ich den schwarzen Trauerrand und begreife allmählich, dass die Mutter einer guten Freundin verstorben ist und ich ihr Sterbebildchen in der Hand halte. An der Seite befinden sich neben einem schwarzen auch Register in anderen Farben, sogar fröhliche Blümchen sind am Rand abgedruckt. Ich schlage zufällig eines dieser Register auf und entdecke die Noten eines bekannten Kirchenliedes, das immer bei Beerdigungen gesungen wird. Meine Freundin hat jedoch einen anderen Text in derselben Goldfarbe wie auf den Innenseiten unter die Notenlinien geschrieben. Sind das jetzt Anmerkungen zum Kirchenlied oder zur Beerdigung? Jedenfalls hebt sich die Schrift plastisch vom Hintergrund der Karte ab, und ich glaube, einen schwachen Nachhall ihres Gesangs zu hören.