Una notte italiana

Der Traum, der noch kurz vor dem Aufwachen eine zusammenhängende, dramatische Struktur besaß, verflüchtigte sich schon beim Aufwachen wie Spätsommernebel…ich fahre mitten in der Nacht via Bus nach Italien. Im Bus befinden sich viele meiner Arbeitskollegen, aber auch einige andere Personen, die ich überhaupt nicht kenne. Mein Gepäck spielt eine herausragende Rolle, aber ich weiß nicht mehr, welche. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil es unausweichlich ist, eine Nacht in Italien zu verbringen, meine Freunde in Deutschland mich aber noch heute zurückerwarten. Ich verpasse die Station, an der mein Fahrrad abgestellt ist, und steige erst die nächste Station aus. In der Nähe befindet sich eine blau beleuchtete Tankstelle. Sehr viel später stehe ich zwischen zwei fremden Menschen (einem Mann und einer Frau) auf einer steinernen Brücke neben einer Ausfallstraße. Wir erleben gerade einen Sonnenaufgang, der uns einen glühenden Himmel hinzaubert, und mich durchströmt ein unbekanntes Glücksgefühl. Ich kann mich sehr schlecht mit ihnen verständigen, da ich nur äußerst lückenhaft italienisch spreche, meine Gesprächspartner sich aber auch mit Englisch sehr schwer tun. Ich frage sie: „Wo ist denn die Toscana?“, und sie deuten beide mit dem Daumen über ihrer Schulter nach hinten. „Hinten, gleich dort hinten.“ Ich scheine mich irgendwo in der Nähe von Florenz zu befinden. „Und wo ist Umbrien?“ („Where is umbria?“) frage ich erneut, und sie sehen mich erstaunt an. „Naja, das ist wohl auch zu weit entfernt.“ sage ich mehr zu mir selbst und lächle bei meinen Hintergedanken. Später befinde ich mich mit denselben (?) Personen in einem Zimmer. Wir unterhalten uns über eine Gedichtanthologie, die beide veröffentlichen wollen. Plötzlich kommt mir ein Einfall, den ich ihnen sofort mitteilen muss: „Auf jeden Fall sollten Gottfried Benn, Georg Trakl und – wie heißt denn der dritte?-“ Sie nicken stumm. Aber der Name des dritten Dichters fällt mir nicht mehr ein. Kurz darauf wache ich auf, und grüble weiter über den Namen des Dichters, dessen Gedichte mir im Zusammenhang mit denen Benns und Trakls so passend schienen.

Familiäres

Ich fahre mitten in der Nacht auf endlos langen und merkwürdig leeren Straßen mit meinem Vater von einem Fest nach Hause, als mein Vater die Bemerkung fallen läßt, er würde doch gerne meine Freundin näher kennen lernen und sie jetzt besuchen; auf dem Fest habe ich meine Freundin wohl meinen Eltern vorgestellt. Auf meine zögerlichen Einwände, es sei mitten in der Nacht und sie schlafe bestimmt, reagiert mein Vater äußerst beleidigt und meint, ich würde sie ihm vorenthalten. Ich stimme schließlich zu, um ihn nicht weiter zu verärgern. Das Haus meiner Freundin ist groß, geräumig und elegant. Da ich die Schlüssel besitze, öffne ich meinem Vater die Tür. Meine Freundin, die ich als meine Arbeitskollegin R. wiedererkenne, liegt auf ihrem Bett an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand nackt unter einem Laken und wirft uns beiden einen verwirrten Blick zu, bevor sie wieder einschläft. Die weißen Seidenschals an den Fenstern bauschen sich leicht im Wind, während mein Vater und ich uns durch die dunklen Gänge zur Küche entlang tasten. Diese ist mit einer dünnen, verschiebbaren Trennwand vom Wohnzimmer abgetrennt. Offensichtlich ist meine Freundin aufgestanden, denn sie erscheint kurz in der hellen Küche und trägt jetzt die Gesichtszüge von D., meiner ersten Freundin; sie freut sich, mich zu sehen, spricht aber kein Wort mit mir. Meine Mutter taucht plötzlich in der Küche auf und beginnt, das schmutzige Geschirr abzuwaschen. Ich will ihr helfen, finde aber kein Geschirrtuch, um das Geschirr abzutrocknen, und finde deswegen die übertriebene Aktivität meiner Mutter reichlich sinnlos. Als könnte sie meine Gedanken lesen, sieht sie mich bedauernd an und zuckt die Achseln. Im Wohnzimmer findet kurz danach eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen meiner Freundin und meinem älteren Bruder statt, den ich ebenfalls nicht hier vermutet hätte. Ich hege den Verdacht, dass meine Freundin mich mit meinem älteren Bruder betrogen haben könnte, denn warum sollte er sonst hier sein? Aber im Traum scheint mich das gar nicht weiter zu stören, ja, ich schmunzle sogar bei dieser Vorstellung. Mein Bruder verkraftet diese Tatsache aber anscheinend – im Gegensatz zu mir – überhaupt nicht. Da er sein schlechtes Gewissen mit Lautstärke zu übertönen versucht, wird er beim unvermittelt eskalierenden Streit so laut, dass in der Küche jedes Wort deutlich zu verstehen ist. Die Trennwand ist plötzlich verschwunden, und ich kann die Szene, die sich im Wohnzimmer abspielt, ganz deutlich sehen. Dennoch kann ich nicht zu meinem Bruder gehen und ihn beruhigen. Ich bin wie festgefroren und spüre, dass die Trennwand nur durch eine unsichtbare Glaswand ersetzt wurde. Mein Bruder schreit: „Ich kann nicht mehr! Seit Tagen spüre ich eine zweite Person hinter mir wie einen Schatten!“ und reißt mit einer blitzschnellen Bewegung eine bläulich glänzende Pistole aus seinem Hosenbund, die er auf meine vor ihm knieende Freundin richtet. Ich kann nicht mehr hinsehen und schreie nun selbst, so laut ich kann: „Nein! Nein! Nein!“, bis ich in einer seltsam friedlichen Stimmung aufwache.

Verschlungene Wege

Auf der Freitreppe vor dem Eingang zum wirtschaftswissenschaftlichen Trakt treffe ich unseren weißhaarigen Abteilungsleiter mit seinem typischen gelblich verfärbten weißen Schnauzbart, der außer sich vor Freude ist, mich zu sehen. Er begrüßt mich so überschwänglich, dass ihm sein Zigarillo aus dem Mund fällt: „Hallo Herr T.! Schön, dass ich sie sehe!“ Ich hebe es spontan auf und gebe sie ihm zurück, da ich ihn mir ohne Zigarillo kaum vorstellen kann. Er schüttelt mir voller Begeisterung die Hand. Seine Freude verblüfft mich zwar, ist mir aber auch sehr suspekt, so dass ich immer mißtrauischer werde. Nachdem ich mich von ihm verabschiedet habe, folge ich der abwärtsführenden Treppe in ein extrem niedriges Kellergeschoß, das ich in gebückter Haltung durchquere. Kurz darauf sitze ich zusammen mit einigen Kollegen in der letzten, dunklen Reihe eines Hörsaals. Der Dozent nennt immer wieder meinen Namen, und ich spüre die Mischung aus Bewunderung, Stolz und Neid, die mir meine neben mir sitzenden Kollegen entgegenbringen. Ich bin äußerst vergnügt und folge der Vorlesung nur bruchstückhaft. Nach der Vorlesung gehe ich eine Straße entlang und werde von einem ehemaligen Kollegen angesprochen, der eine geheime Radiostation in einem Kleintransporter betreibt. Er setzt mir einen Kopfhörer mit Mikrofon auf, der mich einengt und mir Kopfschmerzen verursacht, und spielt an den Reglern eines uralten Funkgeräts herum. Es dauert einige Zeit, bis ich begreife, was er mit dem Funkgerät und seinem Piratensender beabsichtigt. Rauschverzerrt höre ich die Stimme einer Schwester aus dem Klinikum, die uns beide um einen rechtlichen Ratschlag bittet. Ich finde es sehr anstrengend, meinem ehemaligen Kollegen zu folgen, der mir ununterbrochen etwas erklärt, und gleichzeitig kaum verständliche Brocken der Stimmen aufzufangen, die durch den Äther rauschen, und sie zu sinnvollen Sätzen zusammenzufügen. Schließlich reiße ich mir den Kopfhörer vom Kopf und verlasse meinen ehemaligen Kollegen wieder. Kurze Zeit später stehe ich vor dem weißen Bedienpanel eines Dialysegerätes und drücke aus Spaß auf einen Knopf. Im grün leuchtenden Display leuchtet daraufhin eine merkwürdige Zeichenfolge aus Schrägstrichen auf, die auf einen Fehler hindeutet. Mein Kollege, der gleichzeitig der Techniker ist, der das Gerät betreut, meint daraufhin zu mir: „Wenn du es jetzt verstellt hast, darfst du dich heute nachmittag hinsetzen und die Bedienungsanleitung lesen!“ Im Traum erscheint mir das gar nicht so schlimm.

Fragmente

In einem uralten, baufälligen Gerichtsgebäude suche ich nach einem verborgenen Raum. Ich bewege mich mit einem Freund durch die verschlungenen, niedrigen Gänge. Die Böden sind aus Holz und wirken nicht besonders stabil. Über die Stellen, an denen man einbrechen könnte, wurden nur Decken geworfen. Als ich wieder mal über eine solche Stelle balanciere, erreiche ich zwar den Durchgang zu einem anderen Trakt, aber ich kann dann weder vor noch zurück. Ich blicke nach unten und sehe ins Dunkel eines Treppenhauses. Das Geländer neben mir ist nur weiß lackiertes Holz und wirkt äußerst brüchig. Als ich meinen Freund um Hilfe bitte, grinst er mich nur hämisch an. – Ich stehe zusammen mit anderen, darunter einigen Kollegen, im Vestibül eines Gerichtsgebäudes, das dem Bahnhof in R. sehr ähnlich sieht, und warte auf den Ausgang einer Entscheidung. Als der Angeklagte das Gebäude verlässt, skandiere ich plötzlich: „Mörder! Mörder! Mörder!“ Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Angeklagte die Tat begangen hat. Einige, die in meiner Nähe stehen, missbilligen meine lauten Rufe. Einige meinen: „Er ist doch noch gar nicht verurteilt!“ Aber meine penetranten Rufe zeigen schließlich Wirkung, so dass am Ende alle „Mörder!“ skandieren, auch die, die vorher mein Rufen missbilligten. Vor dem Gebäude erscheint plötzlich ein Demonstrationszug, der dasselbe ruft. Er wird vom Bischof angeführt, der eine Monstranz vor sich herträgt. – Mitten in den Semesterferien findet an der Uni (Schule?) ein Seminar statt, das ich zusammen mit dem Dozenten organisiert habe. Irgendwie spielte dabei ein Set von Farbstiften eine Rolle, ich kann mich aber nicht mehr erinnern, welche. Ich erscheine jedenfalls zu spät zum Seminar. Der Eingang zum Raum liegt ziemlich versteckt hinter einer Ecke. Dort angekommen, öffnet sich eine lange Flucht, bei der sich links die Eingänge zu den Hörsälen befinden und rechts eine Reihe unverbundener Fenster. Entweder ist das Glas getönt oder es ballt sich gerade ein größeres Unwetter zusammen; es ist jedenfalls ziemlich düster draußen. Ich stehe vor den Eingängen zum Hörsaal; die Wand ist eine helle, glatte Holzfläche, in die die Türen mit den Designerklinken eingelassen sind. Ich weiß nicht so recht, welchen Eingang ich benutzen soll, hänge meine Jacke an einen Haken und betrete schließlich den abgedunkelten Raum. Wieder treffe ich einige Kollegen aus der Arbeit, die sofort aufstehen, als ich den Raum betrete. Ich will mich aber in eine Reihe setzen, in der Mitstudenten sitzen, die ich nicht kenne. Als ich sie bitte, aufzustehen, damit ich in der Mitte Platz nehmen kann, sehen sie mich zuerst verwundert an, springen dann aber auf. – Ich wohne im oberen Stockwerk eines mehrstöckigen Hauses, und direkt gegenüber befindet sich ein anderes Haus, in dessen Fenster man blicken kann. Ein Bekannter taucht auf und behauptet, dass im Stockwerk gegenüber ein Bordell betrieben wird. Als ich jedoch ein Fenster öffne, sind alle Fenster im Stockwerk des gegenüberliegenden Hauses dunkel und wirken ziemlich verlassen. Lediglich etwas weiter die Straße abwärts wurde hektisch in einem Raum das Licht gelöscht. Lange Zeit geschieht überhaupt nichts. „Da drüben ist niemand“, sage ich zu meinem Bekannten und schließe das Fenster wieder. – Ich fahre mit dem Rad durch eine endlos wirkende, flache Landschaft, als am Horizont die überdimensionale, gelbe Front einer dreischiffigen Wallfahrtskirche erscheint. Dieser Eindruck ist selbst im Traum völlig unwirklich.

Aufzüge

Ich sitze an der Theke eines neueröffneten Cafes und spreche mit dem Barkeeper, der mich entfernt an einen alten Bekannten erinnert. Unglücklicherweise fällt mir aber sein Name nicht ein. Als ich die Cocktailkarte studiere, um etwas zu bestellen, winkt der Barkeeper ab, als wolle er sagen: „Lass sein, ich gebe einen aus!“ Und tatsächlich kommt er hinter der Theke hervor und öffnet eine Flügeltür, die unter dem Tresen eingelassen ist und sich in meine Richtung aufziehen lässt. Dahinter steht ein großer Behälter, der mit einer alkoholischen Flüssigkeit gefüllt ist. Der Barkeeper nimmt einen Schlauch und hält ihn in ein hohes, schlankes Glas, das sich langsam füllt. Die Flüssigkeit ist farblos und hat fast gar keinen Geruch; im Traum weiß ich aber, dass es Gin ist. Ich nippe am Glas, aber der Barkeeper wollte noch etwas schwarzen Beerensirup hinzugießen und nimmt mir das Glas sofort weg, nachdem ich es abgesetzt habe. In meinem Mund breitet sich von meinem ersten Schluck ein intensiver Geschmack von Pfefferminz aus. Etwas später stehe ich vor dem Gebäude und betrete einen Kabinenaufzug, der direkt von der Straße aus zugänglich ist. Hinter einer weißen Art-deco-Türe verbirgt sich der Aufzugschacht, während sich direkt daneben der Eingang zum Cafe befindet. Der Aufzug ist uralt, aber die Kabine ist aus edelsten Hölzern und wurde auf Hochglanz poliert. Während der Fahrt schrammt der Aufzug an den Schachtwänden entlang, und die quietschenden Geräusche erwecken wenig Vertrauen, so dass ich ständig Angst habe, die Aufzugseile könnten reißen und ich würde zusammen mit dem Aufzug ungebremst in die Tiefe rasen. Nachdem ich mehrere Male mit dem Aufzug auf und ab gefahren bin, steige ich im vierten Stock aus, in dem ein vornehmes Restaurant untergebracht ist. Ich bemerke, dass das Restaurant übervoll ist, und habe auch den Grund für mein Aussteigen in diesem Stockwerk vergessen. Ich laufe quer durch das Restaurant zu einem überladenen Garderobenständer und suche dort meine terracottafarbene Jacke, weiß aber ganz genau, dass ich sie im Cafe im Erdgeschoss liegen gelassen habe. Auf dem Weg zum Garderobenständer begegnet mir S., deren massive Korpulenz mir wie immer Angst einflößt. „Ja, hallo, was suchst du denn hier?“, fragt sie mich. Ich werde nervös wie jemand, der bei etwas Verbotenem ertappt wurde, und antworte stammelnd: „Ich suche meine Jacke, die etwas abgetragen ist. Eigentlich sehr abgetragen. Ich sollte dringend meine Garderobe erneuern.“ Während dieses Gesprächs gehen wir bereits zu einem weiteren Aufzug, dessen Kabinenboden die ungewöhnliche Form eines Trapezes aufweist. Es befindet sich bereits jemand in der Kabine, der sich mit einem Seufzer in eine Ecke zurückzieht, als wir beide einsteigen. Dieser Aufzug ist nur mit grauen Plastikwänden ausgestattet und beeindruckt nicht aufgrund seines luxuriösen Innenlebens. Er ist jedoch hochmodern und auf dem neuesten Stand der Technik. S. und ich unterhalten uns weiter, aber das Gespräch plätschert belanglos dahin und verliert sich in Banalitäten.

Flugzeug und Baumrodung

Eine Gruppe Arbeiter rodet neben einem Rollfeld an einem Bachlauf Bäume und schlichtet sie neben einem Jumbo-Jet auf, darunter auch ich. Ich arbeite im Takt eines Beatles-Songs, den ich innerlich höre, und ernte dafür verwunderte Blicke, die mich aber nicht weiter stören. Mir ist nur bewußt, dass ich in der Gruppe ein totaler Außenseiter bin. Während die anderen Baum um Baum in seine Bestandteile zerlegen und ganze Baumkronen neben dem Flugzeug aufhäufen, schleppe ich nur einige wenige Äste heran. Das Rollfeld, auf dem das Flugzeug steht, ähnelt einem Festplatz in meiner Heimatstadt. Es herrscht tiefster Winter, und die Stämme, Äste und Zweige der gerodeten Bäume sind völlig kahl.

Hunger

Ich finde mich in einer Art Gaststätte wieder, in der Brötchen und Getränke zum Verkauf angeboten werden. Ich weiß zwar nicht, wie ich hierher gelangt bin, aber ich erinnere mich von fern, dass ich mit einer Gruppe von Freunden unterwegs bin, die den Besitzer der Gaststätte kennen. Auf einem Tisch in der Mitte eines größeren Raums stehen zwei größere Brotkörbe. Mehrere Leute stehen an, um sich ein Brötchen zu nehmen und es anschließend zu bezahlen. Außerdem kommen ständig mit einem Dirndl bekleidete Bedienungen an den Tisch und holen vorbereitete Getränke und Essen ab. Ich will mir ebenfalls ein Brötchen nehmen, aber allmählich bemerke ich, dass Leute, die hinter mir stehen, zuerst abgefertigt werden. Ich schreie daraufhin einen jungen Mann, der Essen austeilt, an: „Ich will auch ein Brötchen!“, aber er bemerkt mich überhaupt nicht. Er redet angeregt mit seinen Kollegen weiter und schaukelt dabei mit seinem Stuhl auf und ab. Schließlich brülle ich: „Ach, leck mich doch am Arsch!“ und werfe ihm eine zusammengeknüllte 5-Euro-Note, die ich in der Hand halte, mitten ins Gesicht. Das führt offenbar zu einem größeren Aufruhr, und meine Freunde haben alle Hände voll zu tun, um mich in Schutz zu nehmen. Eine Freundin führt ein Gespräch mit ihrem Handy und sieht mich dabei an; aber ich werde entlastet, und der Besitzer der Gaststätte hätte schon früher einschreiten müssen. Da aber seine Schwester den Betrieb führt, hat er nichts gegen meine ungerechte Behandlung unternommen. Wutentbrannt gehe ich die Straße ein paar Häuser weiter hinauf und entdecke eine Metzgerei, deren Theken vor Würsten geradezu zu platzen scheinen. Nur das Neonlicht der Kühlvitrinen erhellt das Innere der Metzgerei, an die sich ein vollkommen leerer Gaststättenraum anschließt. Ich werde begrüßt und zu einem freien Tisch geführt, und eine Bedienung bringt mir ein großes Glas sprudelnder Fanta. Ich sehe, wie die Verkäuferinnen, die eine rote Schürze tragen, emsig die Vitrinen putzen. Der Wirt bemüht sich persönlich um mich, und um mein leibliches Wohl brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Dann sehe ich mich im wirklich sehr dunklen Raum um. An den vielen Kronleuchtern, die unerleuchtet im Raum über den Tischen hängen, perlt ein stetiges Rinnsal aus dünnen Wasserfäden herab. Als ich den Wirt darauf anspreche, zeigt er an die barocke Stuckdecke, die aussieht, als würde sie unter dem Gewicht des auf ihr lastenden Wassers bald durchbrechen. Jedenfalls bemerke ich einige Risse und einen großen, nassen und dunklen Fleck.

Theaterbesuch

Da mir von irgendjemandem Karten geschenkt wurden, besuche ich zusammen mit der mir gut bekannten J., die ich schon seit mehreren Jahre nicht mehr gesehen habe, eine Vorstellung. Ich bin im Traum nur etwas verwundert darüber, dass ich gerade mit dieser Frau in das Theater gehe; denn vor mehreren Jahren hatten wir zwar eine kurze Affäre, die aufgrund ihrer Ehe und meinem wachsenden Desinteresse abrupt endete, aber ansonsten verbindet uns sehr wenig miteinander. Die Kasse ist in einem größeren Raum untergebracht, in dem zwei Tische stehen und in dem auch die Garderobe abgegeben werden kann. Dort sitzt ein ehemaliger Arbeitskollege, der auch schon vor Jahren gekündigt hat. Mit ihm beginne ich ein Gespräch über meine Arbeit. Ich spüre, dass es mir geradezu ein Bedürfnis ist, mit ihm zu sprechen. Deshalb sage ich meiner Begleitung, sie solle mittlerweile vorangehen, und lasse mich in meiner Unterhaltung auch dadurch nicht stören, dass die Vorstellung sehr bald beginnen wird. Nachdem ich meinem ehemaligen Arbeitskollegen ausführlichst geschildert habe, welche externen Dienststellen meine Abteilung zusätzlich betreut, sehe ich auf die Uhr und bemerke etwas trocken: „So, und jetzt darf ich mir meinen Anpfiff abholen!“ Ich stürze zum Zuschauerraum, dessen gepolsterte Türe gerade von einer Frau in einer seltsamen rot-weiß-gestreiften Uniform geschlossen wird, und frage atemlos: „Kann ich noch rein?“ Sie wirft mir einen mißbilligenden Blick zu und sagt dann: „Jetzt aber schnell!“ Ich hole meine Karte aus der Tasche, kontrolliere sie kurz und suche meinen Platz mit der Nummer K5. Es dauert zwar etwas, bis ich mich im dunklen Zuschauerraum orientieren kann, doch dann stelle ich fest, dass J. nicht anwesend ist. Der Vorhang wird gerade aufgezogen, und ich husche schnell hinüber zur gegenüberliegenden Gasse neben den roten Zuschauersitzen. Dort treffe ich merkwürdigerweise meine Mutter und meinen jüngeren Bruder. Ich berichte ihnen davon, dass ich offensichtlich meine Begleitung verloren habe. Meine Mutter deutet auf eine blonde, jüngere Frau mit einer Hochsteckfrisur, die mehrere Reihen hinter uns sitzt. „Nein“, sage ich, „das ist sie nicht. Sie ist einfach nicht da.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen und kann mir gut vorstellen, dass J. das Theater verärgert wieder verlassen hat.

Grenzerfahrungen

Ich bin mit meinen ehemaligen Schulkameraden in einem Schulbus unterwegs. Als der Bus einen Berg hinauffährt und zu stottern beginnt, steige ich aus und versuche, mit einem Seil den Bus weiterzuziehen. Ich fordere die anderen barsch auf, ebenfalls auszusteigen und mir zu helfen, aber sie lassen sich davon nicht beeindrucken und feuern mich von ihren Sitzen aus an. Der stotternde Motor fängt sich wieder und der Bus fährt davon, ohne anzuhalten. Ich sehe nur noch die Rücklichter, während sich der Bus in einen LKW verwandelt, den meine Mutter steuert. Ich gehe davon aus, dass sie an der nächsten Kurve anhält, um mich wieder einsteigen zu lassen. Aber sie hat mich anscheinend vergessen, und ich bin völlig alleine im Wald. Da ich noch vor der Dunkelheit über die deutsche Grenze gelangen will, beeile ich mich und passiere dabei ein riesiges blaues Verkehrsschild, das mir den nahen Grenzübergang anzeigt. Ich gelange zur Grenzstation, die völlig verlassen in einer Senke liegt, und fühle dabei das Brennen meines trockenen Rachens. Ich habe Durst. Kurz nach der Grenze entdecke ich eine Gaststätte und einen LKW-Parkplatz. In der Hoffnung, hier meine Mutter wiederzufinden, betrete ich die Gaststätte. Aber ich sehe sie nicht. Glücklicherweise habe ich meine Geldbörse einstecken, in der sich ein paar Scheine befinden. Das reicht zwar nicht für eine Rückreise mit dem Zug, aber vielleicht könnte ich jemanden finden, der mich gegen einen geringen Geldbetrag nach Hause bringt. Ich entscheide mich schließlich dafür, mein Glück beim Trampen zu versuchen. Dazu male ich auf eine Zeitung die Buchstaben der Kreisstadt, in deren Nähe ich lebe, aber ich bin nicht zufrieden damit und kritzele mehrere Seiten mit überflüssigen Erklärungen voll, bis ich die richtige Formulierung gefunden habe. Danach gehe ich eine Straße entlang und strecke die Zeitung allen vorbeifahrenden Autofahrern entgegen. Ich bemerke an einer Straßenecke, dass ich die Bundesstraße verpasst habe und nun etwas weiter laufen muss, um wieder zur Ausfallstraße zu kommen. Irgendwann befinde ich mich in einem kleineren Ort, in dem gerade der Frühling angekommen zu sein scheint – die Sonne scheint, und alles blüht. Ich weiß, dass ich in einem Wallfahrtsort sein muss, und suche eine kleine Kapelle auf, die auf einem großen Bauernhof steht. Im Garten hinter der Kapelle wird gerade ein Gottesdienst abgehalten. Ich setze mich auf eine Bank und sehe Maria, die Mesnerin unseres Dorfes, die mir geheimnisvoll zuzwinkert. Es wird das Fest eines obskuren Heiligen gefeiert, und am Ende des Gottesdienstes muss jeder einen „Bosinusstein“, einen schwarzen Lavastein, nehmen, um ihn im Taufbecken neben der Kapelle zu versenken. Ich nehme mir vor, Maria am Ende des Gottesdienstes zu fragen, ob ich mit ihr nach Hause fahren könnte.

Die Schuhe

Mein Großvater (mütterlicherseits, also derjenige, der in Nordafrika von den Briten gefangengenommen wurde und in einem Gefangenenlager in Ägypten, nahe der Pyramiden, das Ende des Krieges abwartete) begegnet mir auf dem Flur eines seltsam verwinkelten Hauses, das eine Mischung aus einem offenen, nicht mehr benutzten Stall und einer Wohnung darstellt. Ich freue mich sehr, ihn zu sehen. Er bedeutet mir stumm, dass ich ihm folgen soll, und öffnet einen Holzverschlag, hinter dem rechts ein Gang zu mehreren Zimmern abzweigt. Der Gang ist allerdings bis oben hin mit blauen Plastiksäcken vollgestopft, so dass wir uns nur oben auf den Plastiksäcken kriechend in diesem Gang vorwärts bewegen können. Mein Großvater, der vorankriecht, zeigt mir einen überdimensionalen, schmiedeeisernen Schlüssel, mit dem er ein winziges Türchen öffnet. Dahinter verbirgt sich ein größerer Raum, aber ich sehe nur eine weiße Wand, von der der feuchte Putz abbröckelt. Ich erwarte eine größere Überraschung, irgendetwas Schreckliches, aber nichts geschieht. Mein Großvater scheint sich lediglich geirrt zu haben, denn er schließt das Türchen wieder und öffnet ein anderes, das sich über meinem Kopf befindet. Aus dem Hohlraum hinter dem Türchen zieht er ein Paar sehr gut erhaltener brauner Lederschuhe, die er mir lächelnd als Geschenk in die Hand drückt.