Brief an S.

Liebe S.!

So oft habe ich mir schon vorgenommen, dir einen Brief zu schreiben, und ein ums andere Mal fehlt mir der Mut, es zu tun. Ich weiß, dass dich dieser Brief nie erreichen wird, da nun neben der örtlichen eine zeitliche und, wie ich annehmen darf, auch geistige Entfernung zwischen uns getreten ist, die ich nicht zu überbrücken weiß. Ich kann die Funktion, die du in meinem Leben eingenommen hast, genau beschreiben, aber wenn ich alles in nüchterne Worte packen würde, würde ich die feinen Fäden übersehen und zerreißen, die uns eine gewisse Zeit lang verbanden. Es ist vorbei; alles, was dich jemals in unserer kleinen, gemeinsamen Welt zurückhielt, hast du zurückgelassen und bist in die Schweiz gegangen, um andere Projekte zu verwirklichen, um das zu werden, was du bist und was als Traum in dir nach Werdung ruft. Glaube ich dir noch? Ja, du hast mich beeindruckt, aber für dich war ich nur ein Schüler des Hedonismus, der noch unberührt war von den Zumutungen eines Lebens, das gelebt werden will. Du warst unglücklich in meinen Bruder verliebt, und ich erinnere mich an die stundenlangen, nächtlichen Gespräche, die ihr geführt habt. Nichts Sichtbares ist davon geblieben, außer diese beiden schmalen Heftchen mit rotem Einband, die ich gerettet habe, das „Tagebuch der Gedanken“ und das „Tagebuch der Gefühle“, und ein begleitender Brief. Es war eine beinahe dämonische Dynamik, die uns auseinandersprengte, denn das kannten wir ja aus den Klosterschulen, die wir besucht hatten: die schwarze, vergiftende Verführungskraft der Sünde. Daneben erschienen die Geschäfte des Tages seltsam blutleer und uninteressant. Nein, es war nicht der profane Rausch, dem wir uns hingaben, sondern ein psychologisch unterfütterter Maskenball – niemand war, jeder schien nur etwas zu sein. Wie schmerzhaft war da der Moment, in dem die Maske fiel, in dem wir uns gegenseitig in die verängstigten Seelen sahen, wie oft zerplatzte unser Traum von einer Gegenwelt, in der die Widersprüche aufgehoben schienen, zu grauem Staub – du weißt es. Oft habe ich ein starkes Verlangen danach, mit dir darüber zu sprechen, aber die Gefahr, dass wir uns nicht verstehen und uns gegenseitig verletzen würden, ist zu groß, und einen zweiten Anlauf wirst du nach der Nacht in S., als ich dich um fünf Uhr morgens als meine Feindin verließ, nicht mehr unternehmen. So bleibt mir nur die Freiheit, dich zu verabschieden – in einen Nebel, aus dem es keinen Ausweg gibt, ein Nebel, der alle Ereignisse bis zur Unkenntlichkeit verwischt und verklärt.

Wo auch immer du sein magst, worin auch immer dein Glück bestehen mag – leb wohl!

Die Vertreibung aus dem (Musen-) Tempel: ein Versuch über das Amateurtheater in der Provinz

In irgendeinem verschlafenen Nest in Niederbayern hatte ein Regisseur die Idee, dem Publikum nicht mehr das plumpe Komödienstadel-Allerlei zu servieren, das den Dorfbewohner als rückständige und tumbe Karikatur seiner selbst überzeichnete, sondern gehobene Unterhaltung zu bieten, die zwar eingängig, aber intelligent war. Ihm zur Seite gesellte sich eine Gruppe junger Menschen, die sich aus der dörflichen Landjugend heraus formiert hatte und natürlich unter scharfer Beobachtung der Eltern und der Dorfgemeinschaft stand. Dieses Experiment ging erstaunlich lange gut, die Vorstellungen waren schon vor der Premiere regelmäßig ausverkauft, das Dorftheater erwarb sich einen guten Ruf, die Presse wurde aufmerksam und die Gäste kamen aus immer weiter entfernten Orten. Die Räumlichkeiten des Theaters waren in einem kleinem Heim untergebracht, das sich im Besitz der Pfarrei befand. Der damalige Dorfpfarrer entstammte jedoch keiner der ortsansässigen Großbauernfamilien, war daher einer kulturellen Bereicherung seiner bleiern rechtschaffenen Gemeinde gegenüber aufgeschlossen und ließ die Theatergruppe gewähren.

Im Obergeschoß des Hauses befand sich ein Festsaal mit einer Bühne, die sowohl vom Saal aus als auch über eine eingelassene Falltür und eine Hintertreppe erreichbar war. Später kam zu dieser Bühne noch ein kleiner Anbau hinzu, auf dem das Orchester spielte. Im stets zugigen Treppenhaus wurde die Kasse aufgestellt, während das Erdgeschoß in mehrere Räume unterteilt war, die als Umkleide für die Schauspieler dienten. (Von mehreren Personen wurden übrigens unabhängig voneinander spukhafte, unerklärliche Phänomene in diesen Räumen berichtet. Diese Erzählungen sorgten zuverlässig dafür, dass während der Proben niemand alleine in die Küche im Erdgeschoß gehen wollte.) Alles änderte sich mit dem Tag, als ein neuer Pfarrer seinen Dienst in der Gemeinde antrat. Es gab wohl eine delikate Szene in der neuen Inszenierung, in der einer Schauspielerin zu viel Stoff von der blanken Brust rutschte und die ihn peinlich berührt haben mochte. Oder er schenkte den Einflüsterungen eines konservativen Pfarrgemeiderats zuviel Gehör, der die Aufmerksamkeit, die dem Theater von außen zuteil wurde, als Störung des Dorffriedens auffasste. Weiterlesen

Der Veteran und seine Erbschaft

Mein Großvater mütterlicherseits war, wie ich schon einmal an anderer Stelle schrieb, dem Wüstenfuchs in die staubigen Hügel Nordafrikas gefolgt, um schließlich bei El Alamein von den Briten gefangengenommen zu werden und den Rest des Krieges im Schatten der Pyramiden zu verbringen. Aus dieser Zeit stammte wohl auch seine lebenslange Vorliebe für die Zigarettenmarke „Camel“, deren Packung sowohl das Beige der Wüste wie auch die Pyramiden zeigte. Eines Tages wollte mein Großvater nach getaner Arbeit ein Bad im großelterlichen Haus nehmen, fiel dort, wie vom Blitz getroffen, um und war trotz umfassender notärztlicher Bemühungen nicht mehr zum Leben zu erwecken. Welche tiefe emotionale Bindung zwischen meinem Vater und meinem Großvater bestanden haben mußte, bewies die Tatsache, dass mein Vater kurz nach der Trauerfeier mit gerade mal 40 Jahren einen tückischen Hinterwandinfarkt hatte und dem Tod gerade noch von der Schippe sprang. Immer wenn von meinem Großvater gesprochen wurde, brachte man allenthalben großen Respekt vor seiner diszplinierten, ich möchte fast sagen manischen, Arbeitsleistung zum Ausdruck („Arbeitsschwein“ – mein älterer Bruder über meinen Großvater), während meine Großmutter das gut bestellte Ackerland nach und nach zu Spottpreisen losschlug, in ihren Schränken immer größere Vorräte an Stoffen, Kleidern und Schmuck anhäufte und die Enkel mit kleinen Geldgeschenken für sich einnahm. Der lange schwelende Konflikt zwischen meinem Vater und meiner Großmutter entlud sich eines Tages ziemlich heftig, als meine Großmutter einen Wäschekorb voll mit Handtüchern und Vorhangstoffen bei meinen Eltern vorbeibringen wollte. Den Erzählungen meiner Mutter nach packte mein Vater den Wäschekorb, schleuderte ihn voller Zorn zurück über die Hecke auf das Grundstück meiner Großeltern und brüllte meine Großmutter an: „Wir brauchen deine Wäsche nicht! Verschwinde! Du hast hier ab sofort Hausverbot!“ Daraufhin entschloss sich meine Großmutter, das großelterliche Anwesen zu verkaufen. Sie tat das nicht ganz freiwillig, sondern weil sie die Vertreter der örtlichen Sparkasse nachdrücklich an die roten Zahlen erinnerten, die nicht aufhörten, zu wachsen und so dick und rund zu werden wie meine Großmutter. Ab dem Zeitpunkt des Verkaufs übernahmen die Anwälte die Regie und schrieben Briefe, die vor bitterem Hohn und gegenseitiger Verachtung nur so trieften. Da die Forderung meiner Mutter, ihr Erbe, das bereits mit einem Grundstück abgegolten war, noch auszuweiten, sich zunehmend ins Lächerliche auswuchs, schlief dieser Streit nach einigen Monaten wieder ein, obwohl er durch die hell lodernde Wut meines Vaters immer wieder neu angeheizt wurde. Meine Großmutter, die den Verlust ihrer Repräsentationsmöglichkeiten als bitteren Verlust empfand, richtete sich dennoch in ihrer neuen Wohnung ein und hielt bei Familienfeiern Hof wie nur irgendeine russische Großfürstin. Ihr Herz schlug für das sündhaft teure Schlafzimmer aus Nußbaumholz und die Tischdecke mit Goldborte, die ihr den schwachen Trost gewährten, „es zu etwas gebracht zu haben“ und nicht völlig unbedeutend zu sein. Andere Menschen spielten in diesem Universum aus Selbstmitleid nur eine Nebenrolle – außer sie waren in irgendeiner Art und Weise bedeutend und der Umgang mit ihnen konnte dazu verwendet werden, im Gespräch zu beeindrucken.

Warum?

Das ist die Frage aller Fragen, mit der ich früher meine Umgebung so lange traktierte, bis die Gefragten entnervt das Handtuch warfen. Mir konnte das mit den Gründen nie weit genug gehen. Heute noch kann ich es nicht lassen, alles in Frage zu stellen, und erscheine deswegen dem einen oder anderen als Berufsquerulant. (Auch hier zeigte sich also schon die merkwürdige Anhänglichkeit an die Vergangenheit. Und letzten Endes war und ist alles Gegenwärtige irgendwie historisch bedingt.) Ich stelle mir vor, dass ich in der Zukunft als Archäologe meiner eigenen Geschichte aktiv werde und mit Helm, Beleuchtung und Klappspaten in die dunklen Gänge hinabsteige. Das Konzept der Psychoanalyse unterscheidet sich ja nicht wesentlich davon – nur dass man hier vom Analytiker in der Unterwelt geführt wird. Gemeinsam ist uns der Kampf gegen das Vergessen, das mit wachsendem zeitlichen Abstand immer dickere Nebel zwischen uns und jenen Zeitpunkt legt, den wir hinter uns gelassen haben. Auf diese Weise entgleitet uns langsam unser eigenes Leben, und das Schreiben ist unter anderem ein nur bedingt wirksames Heilmittel dagegen. Im Film „The Butterfly Effect“ ist die Kompensation vollständig: der Held liest sein Tagebuch und kehrt daraufhin an den Ort und in die Zeit zurück, die er beschrieben hat, und kann dort einige seiner Entscheidungen revidieren. Das kann ich nicht – ich kann nur die Gründe rekonstruieren, die mich zu der einen oder anderen Entscheidung geführt haben (und ansatzweise jene Gefühle durchleben, die mich damals begleitet haben). Gründe? Eben. Deswegen ein Blog, Tagebücher, Fotos. D., meine erste Freundin, die mir als sanft lächelnde Wiener Lebedame wieder begegnete, erzählte mir von meinen Briefen, die sie immer noch aufbewahrte. Meiner Bitte, mir doch Fotokopien dieser Briefe zu überlassen, stand sie ablehnend gegenüber: „Das fühlt sich für mich nicht richtig an. Wenn ich wieder in Bayern bin, bringe ich sie mit.“ Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen, und auf unsere Beziehung fällt jenes seltsame Zwielicht, das die große zeitliche Entfernung mit sich bringt.