Verhältnisse

Mein ganzes gegenwärtiges Übel liegt vielleicht darin begründet, dass ich dramatisch weniger Verhältnisse hatte als der Durchschnitt meiner Vergleichsgruppe. (Für Frauen bin ich diesbezüglich wahrscheinlich ein Analphabet.) Nur ein Beispiel aus meinem unerschöpflichen Fundus: ich betete eine Kommilitonin an (deren sprichwörtlich bildhübsches Konterfei immer noch über Google abrufbar ist), aber unternahm keinen einzigen Versuch, das ihr gegenüber in Ton und Farbe und live auszudrücken. Hie und da ein schüchternes Erröten und mittlere Panikzustände, wenn ich sie alleine traf. Sie war nicht nur schön anzusehen, sondern hatte tatsächlich was auf dem Kasten, und ich fand mich in ihrer Gegenwart so bedrückend langweilig, unoriginell und tumb, dass es kaum auszuhalten war. Ab und zu durfte ich schweigend neben ihr einen Kaffee schlürfen. Gut, die Lektüre von Hesses Steppenwolf im zarten Alter von 14 Jahren hatte mich bis ins Mark verdorben – er deutete an, es gebe die Möglichkeit, im magischen Theater alle diese Liebschaften nachzuholen. Gut gebrüllt, Löwe. Und unter welcher Adresse finde ich das jetzt genau?