Telefonkabel

Ich befinde mich gemeinsam mit einer Bekannten in einem Hotelzimmer, in dem wir uns vor einem Killerkommando der Mafia verstecken. Trotz meiner inständigen Bitten, das Licht auszuschalten, damit wir nicht entdeckt werden, betätigt sie immer wieder den Lichtschalter. Die Zimmertüre hat einen großen Glaseinsatz und führt auf einen nicht allzu langen Flur, durch den ich etwas weiter weg die Stimmen der Männer höre, die nach uns Ausschau halten. Ich suche hektisch nach einer Möglichkeit, uns aus dieser Situation zu befreien, während meine Bekannte völlig apathisch und gleichgültig wirkt. Schließlich sehe ich eine Telefonbuchse, aber wo ist das verdammte Telefon? Ich reiße den Schrank auf, der im Zimmer steht, und durchwühle die Fächer mit den muffig riechenden Decken. Endlich halte ich ein Telefon in der Hand. Als ich das Telefon mit zwei Kabeln anschließen will, beginnt das stromführende Kabel in der Buchse zu rauchen und zu schmoren. So kann ich keinesfalls telefonieren. Ich sehe mir die Kabel näher an, und in erhobenen Buchstaben steht darauf: 110 V. Kein Wunder, dass das Telefon bei einem 220 V-Netz nicht funktioniert. Ich ziehe das Kabel wieder aus der Buchse heraus und stecke es dann wieder ein, um zu testen, ob ich das Telefon vielleicht für einen kurzen Anruf bei derPolizei benutzen könnte. Aber die sofort herausspritzenden Funken und der Qualm, der aus der Buchse kommt, lassen auch bei kurzzeitiger Benutzung einen Zimmerbrand befürchten. Als ich höre, wie sich die Stimmen unserem Zimmer nähern, steige ich aus dem Fenster, um zu überprüfen, ob wir uns vielleicht an den Mauervorsprüngen festhalten und so unentdeckt bleiben könnten, während die Männer unser Zimmer durchsuchen. Es sind rosafarbene Stuckvorsprünge, die mein Gewicht sehr gut tragen. Aber meine Bekannte hat Angst vor dem Verkehr auf der Straße und bittet mich, wieder in das Zimmer zurückzukommen. Ich gerate in Panik, weil ich nicht weiß, was wir jetzt noch unternehmen sollen, aber im nächsten Moment stehen wir vor der Freitreppe zum Präsidium und sprechen mit dem Polizeipräsidenten, der uns jovial lachend versichert, dass der Anführer des Kommandos aufgrund unserer Hinweise schnell verhaftet werden könnte.

Das letzte Versteck

Als es klingelte, fuhr er aus einem traumlosen Schlaf hoch. Die Jalousien waren halb herabgelassen und brachen die Strahlen der Sonne. Ein paar Staubflocken tanzten in den Lichtstreifen. Es war früher Nachmittag. Mit einem flüchtigen Blick sah er die zwei hochgewachsenen Polizisten, die am Zaun standen. Sie hatten ihn entdeckt, daran bestand kein Zweifel, und seine Fluchtmöglichkeiten waren begrenzt. Er hatte das im Wissen um die Sicherheit seines Verstecks einkalkuliert. Die schwarze Ledertasche, die in der Ecke glänzte, war mit dicken Bündeln aus Banknoten vollgestopft und würde ihm ein sorgloses Leben garantieren. Wochenlang war nach ihm gefahndet worden, aber das Bild der Überwachungskameras war nicht besonders scharf. Eigentlich war darauf wenig mehr zu erkennen als die Tatsache, dass er einen schwarzen Strumpf über seinem Kopf trug. Alles, was die Polizei gegen ihn in den Hände hatte, war einer seiner falschen Namen. Er wartete noch auf seinen Pass, und dann würde er in wenigen Tagen nach Afrika und von dort weiter nach Südamerika fliegen. Er würde seine Beute nicht sinnlos ausgeben. Vor einigen Tagen hatte er per e-mail das erste Bild seines neuen Domizils erhalten: äußerlich eher bescheiden, aber mit einem riesigen eingezäunten Grundstück am Rande einer kleinen, unauffälligen Siedlung. Noch immer starrte er aus dem Fenster im ersten Stock, während es zum zweiten Mal klingelte. Er mußte etwas unternehmen. Eine Flucht über die Feuertreppe wäre zu waghalsig gewesen, also entschied er sich dafür, die Polizisten unverfroren nach ihrem Anliegen zu fragen. Er schnappte sich seine neue Jacke und lief nach unten. In der Tasche fühlte er das Relief seines alten Ausweises. Seltsamerweise gab ihm das ein Gefühl der Sicherheit, als er aus der Haustüre trat. „Guten Tag, was gibt es denn?“ fragte er unsicher, und einer der Polizisten baute sich vor ihm auf und sagte: „Am Montag ist hier in der Straße in einem Haus eingebrochen worden. Ist Ihnen vielleicht etwas Merkwürdiges aufgefallen?“ Er überlegte fieberhaft, was er antworten sollte. „Nein, hier ist es eigentlich immer sehr ruhig.“ Verdammt! Mußte das sein? „Ruhig.“ Das klang höchst verdächtig. Aber es war ihm einfach so herausgerutscht. Die beiden Polizisten sahen sich an und zogen die Augenbrauen hoch. „Ja, das kriegen wir hier ständig zu hören. Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich bitte bei uns.“ „Ja, das werde ich tun.“ Um dem spröden Eindruck seiner letzten Worte etwas entgegenzusetzen, schob er seine Hand aus der Jackentasche, um sie den Polizisten zur Verabschiedung zu reichen. Dabei zog er seinen Ausweis mit, der kurz durch die Luft trudelte und mit einem lauten Klatschen vor den Füßen der Polizisten landete. Einer der Polizisten bückte sich und hob den Ausweis auf. Als er ihm den Ausweis entgegenhielt, konnte er das Zittern seiner Hand nicht mehr unterdrücken. Er fixierte den Ausweis und nahm ihn halb in die Hand, als der Polizist sagte: „Halt! Sie sind verhaftet!“ und so tat, als wolle er den Ausweis zurückziehen. Seine Augen weiteten sich, er verkrampfte sich und hielt die Luft an. Schließlich gab der Polizist nach, tippte sich schmunzelnd kurz an die Schirmmütze und stieg unter dem meckernden Gelächter seines Kollegen in den Polizeiwagen. Die Flugtickets auf seiner Kommode erschienen ihm später wie ein Traum, und er spielte kurz mit dem Gedanken, sich zu stellen.