Der Veteran und seine Erbschaft

Mein Großvater mütterlicherseits war, wie ich schon einmal an anderer Stelle schrieb, dem Wüstenfuchs in die staubigen Hügel Nordafrikas gefolgt, um schließlich bei El Alamein von den Briten gefangengenommen zu werden und den Rest des Krieges im Schatten der Pyramiden zu verbringen. Aus dieser Zeit stammte wohl auch seine lebenslange Vorliebe für die Zigarettenmarke „Camel“, deren Packung sowohl das Beige der Wüste wie auch die Pyramiden zeigte. Eines Tages wollte mein Großvater nach getaner Arbeit ein Bad im großelterlichen Haus nehmen, fiel dort, wie vom Blitz getroffen, um und war trotz umfassender notärztlicher Bemühungen nicht mehr zum Leben zu erwecken. Welche tiefe emotionale Bindung zwischen meinem Vater und meinem Großvater bestanden haben mußte, bewies die Tatsache, dass mein Vater kurz nach der Trauerfeier mit gerade mal 40 Jahren einen tückischen Hinterwandinfarkt hatte und dem Tod gerade noch von der Schippe sprang. Immer wenn von meinem Großvater gesprochen wurde, brachte man allenthalben großen Respekt vor seiner diszplinierten, ich möchte fast sagen manischen, Arbeitsleistung zum Ausdruck („Arbeitsschwein“ – mein älterer Bruder über meinen Großvater), während meine Großmutter das gut bestellte Ackerland nach und nach zu Spottpreisen losschlug, in ihren Schränken immer größere Vorräte an Stoffen, Kleidern und Schmuck anhäufte und die Enkel mit kleinen Geldgeschenken für sich einnahm. Der lange schwelende Konflikt zwischen meinem Vater und meiner Großmutter entlud sich eines Tages ziemlich heftig, als meine Großmutter einen Wäschekorb voll mit Handtüchern und Vorhangstoffen bei meinen Eltern vorbeibringen wollte. Den Erzählungen meiner Mutter nach packte mein Vater den Wäschekorb, schleuderte ihn voller Zorn zurück über die Hecke auf das Grundstück meiner Großeltern und brüllte meine Großmutter an: „Wir brauchen deine Wäsche nicht! Verschwinde! Du hast hier ab sofort Hausverbot!“ Daraufhin entschloss sich meine Großmutter, das großelterliche Anwesen zu verkaufen. Sie tat das nicht ganz freiwillig, sondern weil sie die Vertreter der örtlichen Sparkasse nachdrücklich an die roten Zahlen erinnerten, die nicht aufhörten, zu wachsen und so dick und rund zu werden wie meine Großmutter. Ab dem Zeitpunkt des Verkaufs übernahmen die Anwälte die Regie und schrieben Briefe, die vor bitterem Hohn und gegenseitiger Verachtung nur so trieften. Da die Forderung meiner Mutter, ihr Erbe, das bereits mit einem Grundstück abgegolten war, noch auszuweiten, sich zunehmend ins Lächerliche auswuchs, schlief dieser Streit nach einigen Monaten wieder ein, obwohl er durch die hell lodernde Wut meines Vaters immer wieder neu angeheizt wurde. Meine Großmutter, die den Verlust ihrer Repräsentationsmöglichkeiten als bitteren Verlust empfand, richtete sich dennoch in ihrer neuen Wohnung ein und hielt bei Familienfeiern Hof wie nur irgendeine russische Großfürstin. Ihr Herz schlug für das sündhaft teure Schlafzimmer aus Nußbaumholz und die Tischdecke mit Goldborte, die ihr den schwachen Trost gewährten, „es zu etwas gebracht zu haben“ und nicht völlig unbedeutend zu sein. Andere Menschen spielten in diesem Universum aus Selbstmitleid nur eine Nebenrolle – außer sie waren in irgendeiner Art und Weise bedeutend und der Umgang mit ihnen konnte dazu verwendet werden, im Gespräch zu beeindrucken.