Der verlorene und wiedergefundene Großvater

Mein Bruder zeigt mir in einem Regal eine Reihe von Tongefäßen, die jemand nach der Vorlage von Industrieware gefertig hat. Nun ist etwas ganz Besonderes daraus geworden – mit einer rotgolden schimmernden Glasur überzogene Pokale und Teller, die mich in Staunen versetzen. Es fühlt sich so an, als hätte ich jetzt endlich etwas gefunden, nach dem ich schon sehr lange Zeit gesucht habe. Meine Bruder erklärt mir, dass jemand anderer damit sehr viel Geld verdient hat. Aber ich habe keine Zeit mehr, um mich länger bei ihm aufzuhalten. Irgendwie dringt die Nachricht zu mir, mein Großvater sei nicht tot, sondern immer noch am Leben – sein Tod, das Begräbnis, all das sei ein Mißverständnis gewesen, und ich sehe vor meinem inneren Auge einen offenstehenden, aus grobem, hellen Fichtenholz zusammengezimmerten Sarg, der leer ist. Aufgrund seiner damaligen Todesursache hoffe ich, ihn auf der kardiologischen Intensivstation anzutreffen. Die Station, auf der ich schließlich lande, besteht nur aus Edelstahl und einer orangen Linie als einzigem Dekorationselement. Sie ist so riesig, dass ich minutenlang durch den Gang laufen muss, um am Stützpunkt anzukommen. Dort sind mehrere Ärzte in blauen Kitteln versammelt und über eine Patientenkurve gebeugt, die, als sie mich sehen, ebenfalls wegen eines Herzalarms zu laufen beginnen. Hoffentlich nicht wegen meines Großvaters? Nein, es betrifft einen anderen Patienten. Endlich habe ich die Station einmal umrundet und finde mich in einer großen lichterfüllten Halle wieder, die direkt hinter den Patientenzimmern liegt. Alles macht einen sehr modernen Eindruck. Mein Blick fällt schließlich auf einen runden Empfangstresen, ebenfalls aus Edelstahl und mit einem orangen Dekostreifen versehen. Vielleicht kann man mir dort sagen, wo sich mein Großvater befindet. „Herr L.? Herr L. ist entlassen worden. Er arbeitet jetzt im Vergnügungspark gleich um die Ecke.“ Ich merke, dass ich nicht mehr allein bin, sondern mich ein sehr guter Freund begleitet. Dieser will plötzlich gehen, während ich nach meinem Großvater frage, aber ich ziehe ihn sehr bestimmt wieder an mich und lege ihm meinem Arm um die Schulter. Ich freue mich, dass er bei mir bei der Suche nach meinem Großvater behilflich ist, und spüre eine immer größere, stille Zufriedenheit. Als wir beide am Vergnügungspark ankommen, sehen wir meinen Großvater etwas verloren auf der Bühne stehen. Er trägt ein Headset und preist die Attraktionen des Parks an. Ich wundere mich ein wenig, weil ich meinen Großvater nur als sehr verschlossenen Menschen kennengelernt habe. Aber vielleicht hat er sich ja mittlerweile verändert. Er wirkt wie ein trauriger Clown, mit seinem zu großen, blauen Anzug, den er tragen muss. Das Jackett schlabbert um seinen mageren Körper, die Mütze ist ein wenig verrutscht, überhaupt empfinde ich nur noch Mitleid mit ihm und fühle, wie sich ein Kloß in meinem Hals zusammenzieht. Plötzlich stockt auch seine Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt, und er kommt die Stufen hoch, um mich zu begrüßen. Er kann vor zurückgehaltenen Tränen kaum mehr sprechen. Als der Tränenstrom endlich aus mir herausbrechen will und ich zu einer Umarmung ansetze, stehen wir uns plötzlich durch einen Gitterkäfig getrennt voneinander gegenüber, und er streckt durch die Gitterstäbe seine dürren Ärmchen nach mir aus. Doch nicht ich umarme ihn schließlich, sondern ein kleines Mädchen mit langen braunen Haaren in einem weißen Kleid, das sich vorgedrängelt hat. An dieser Stelle wache ich mit tränengefüllten Augen auf.