Selbstverletzendes Verhalten

Direkt über meinem rechten Knie verläuft leicht innenseitig eine schöne, ca. 10 Zentimeter lange Narbe, die ich mir während der Arbeit selbst zugefügt habe. Jedesmal, wenn ich vor einer Thrombozytenspende (immerhin schon knapp 80) den Spenderfragebogen ausfülle, stolpere ich über diese etwas unglücklich formulierte Frage: „Sind Sie jemals operiert worden?“ Glücklich, wer diese Frage tatsächlich mit einem klaren „Nein“ beantworten kann. Ich gehöre nicht zu dieser seltenen Spezies. Und dann erinnere ich mich meiner Narbe. Und das ging so: während meiner Zivildienstzeit arbeitete ich anfangs auch im medizinischen Lager des EK in Straubing. Zu meinen Aufgaben gehörte es unter anderem, die Vorräte aufzufüllen, und zu diesem Behuf mussten die einzelnen Ausgabeeinheiten eines Materials erst aus ihrer Kartonhülle befreit und in die Regale gestapelt werden. Da ich zu blöd/schüchtern/träge war, mir ein Sicherheitspaketmesser zu besorgen, dessen Klinge nach Verwendung wieder in der Versenkung verschwand, war das Unglück bereits vorprogrammiert. Ich kniete also eines Tages auf einem größeren Paket und holte mit Schwung zu einem großen Schnitt aus, um es zu öffnen. Zunächst ärgerte ich mich nur ein bißchen über meine zerschnittene Jeans, dann spürte ich ein warmes Rinnsal, das meinen Fuß hinablief. Ich stand auf und versuchte, die klaffende und blutende Schnittwunde mit einer Hand zuzuhalten. Der Schnitt ging ziemlich tief, und ich sah ein paar Muskelfasern deutlich hervortreten. „Hallo, ich habe mich geschnitten. Ich muss dringend zur Notaufnahme.“ Meine herbeistürzenden Kollegen schleppten mich sofort dorthin. In der Hektik gab ich der Aufnahmetante eine falsche Krankenkasse an und wurde endlich auf den OP-Tisch verfrachtet. Ich spürte keinerlei Schmerzen, bis der Chirurg zum letzten Stich ansetzte – diesen ertrug ich nur mit zusammengebissenen Zähnen. Der Operateur war anscheinend der einzige, der sich von der allgemeinen Aufregung in keinster Weise anstecken ließ und routiniert und beinahe etwas gelangweilt meine Wunde zusammenflickte. Nach der ersten Versorgung bot mir der Leiter des Lagers, der meinen Vater über die Bundeswehr kannte, an, mich nach Hause zu fahren; und weil ich selbst etwas durcheinander war, stand ich irgendwann vor dem Haus meiner Familie, obwohl ich ein eigenes Zimmer im Altbau des Krankenhauses bewohnte. Aber das war nun auch schon egal. Auf dem Sofa im Wohnzimmer wartete ich verwirrt und auch ein bißchen schockiert über das eben Geschehene auf das Eintreffen meiner Eltern, die sich natürlich darüber wunderten, mich zuhause anzutreffen. – Heute kann man einen schmalen, weißen Streifen sehen, der von diesem Unfall kündet. Auch die Stiche sind noch erkennbar.

Angeregt durch diesen Blogeintrag von Frau Mia.